DJ KONJUNKTUR IM BLICK/Fragiler Waffenstillstand
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Seit den frühen Morgenstunden des Mittwochs gilt eine Waffenruhe im Nahen Osten. Es brauchte etwa 24 Stunden, bis sicher war, dass zumindest in den Staaten am Persischen Golf keine Raketen und Drohnen mehr einschlagen. Die Ruhe hält bisher, sie ist aber fragil - nicht zuletzt, weil Israel seine Angriffe im Süden des Libanons bis vor kurzen fortgesetzt hat. Was das alles wirtschaftlich bedeutet, bleibt abzuwarten. Zunächst veröffentlichen Statistikbehörden weltweit immer noch letzte Konjunkturdaten, die vor dem Beginn des Iran-Kriegs erhoben wurden, oder deren Erhebungszeitraum nur teilweise in den Krieg fiel. Mehr und mehr kommen aber Daten ans Tageslicht, die den März beinhalten.
In der vor uns liegenden Woche sind das Preisdaten aus den USA, der Philadelphia-Fed-Index sowie Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das erste Quartal. Daneben stehen zwei Berichte des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Fokus der Aufmerksamkeit und ein Sitzungsprotokoll des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB).
IWF veröffentlicht Weltwirtschaftsausblick und Fiscal Monitor
In Washington findet in der nächsten Woche die Frühjahrskonferenz von IWF und Weltbank statt. Aus diesem Anlass veröffentlicht der IWF zwei Berichte, die regelmäßig große Aufmerksamkeit finden. Einer ist der Weltwirtschaftsausblick, der Wachstumsprognosen für das laufende und kommende Jahr enthält. Angesichts der Unsicherheit, die der Iran-Krieg mit sich bringt, wird der IWF mehrere Szenarien veröffentlichen, aber selbst im optimistischsten seine Wachstumsprognose für 2026 senken. Das hat IWF-Chefin Kristalina Georgieva bereits in ihrer Auftaktrede angekündigt. Der Weltwirtschaftsausblick wird am Dienstag (15:00 Uhr) veröffentlicht.
IWF veröffentlicht Fiscal Monitor
Außerdem sorgt sich der IWF traditionell um die Schuldentragfähigkeit von Staaten. Ein spezielles Sorgenkind sind in diesem Zusammenhang die USA, denen der IWF seit Jahren relativ unverblümt vorhält, keine Strategie für den Abbau ihrer immer größer werdenden Staatschulden zu haben. Die USA haben in den vergangenen Jahren trotz einer kräftig wachsenden Wirtschaft hohe Haushaltsdefizite gefahren. Von den jüngsten kriegsbedingten Problemen dürften die USA, die diesen Krieg angefangen haben, weniger als andere Volkswirtschaften betroffen sein.
Gleichwohl dürften Defizit- und Schuldenquote bei geringerem Wachstum auch hier steigen. Der IWF dürfte ganz allgemein darauf hinweisen, dass viele Länder, die derzeit zusätzlich Schulden für die Unterstützung ihrer Bevölkerung machen, sich diese eigentlich nicht leisten können. Er veröffentlicht seinen Fiscal Monitor am Mittwoch (15:00 Uhr).
Chinas BIP-Wachstum verstärkt sich im ersten Quartal leicht
Chinas Wirtschaftswachstum dürfte sich im ersten Quartal leicht beschleunigt haben. Analysten rechnen laut Factset-Konsens damit, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einer Jahresrate von 4,7 (Vorquartal: 4,6) Prozent gestiegen ist. Das offizielle Wachstumsziel der Regierung für 2026 liegt bei 4,5 bis 5 Prozent und damit etwas niedriger als zuletzt (rund 5 Prozent). Die Zahlen werden am Donnerstag (04:00 Uhr) veröffentlicht.
Zu den US-Daten: Die US-Erzeugerpreise (Dienstag, 14:30 Uhr) dürften im März erste Kriegsschäden davongetragen haben. Analysten rechnen laut Factset-Konsens damit, dass die Erzeugerpreise gegenüber dem Vormonat um 1,0 (Februar: 0,7) Prozent gestiegen sind. Für die Importpreise (Mittwoch, 14:30 Uhr) liegt keine Prognose vor. Der Philly-Fed-Index (Donnerstag, 14:30 Uhr) dürfte im April auf plus 7,0 (plus 18,1) Punkte gefallen sein.
EZB-Protokoll gibt Einblick in Diskussionen nach Beginn des Iran-Kriegs
Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte seinen Leitzins am 19. März unverändert gelassen und die Absicht geäußert, zunächst abzuwarten, ob sich die höheren Energiepreise auf andere Wirtschaftsbereiche ausbreiten würden. Man wollte beobachten, wie hoch der Ölpreis steigt, wie lange der Krieg dauern und welchen Schaden er anrichten würde. Das Basisszenario der Stabsprojektionen zu Wachstum und Inflation beruhte auf der Annahme, dass der Ölpreis in zweiten Quartal nicht höher als 90 US-Dollar liegen würde und der Gaspreis nicht über 50 Euro.
Aus heutiger Sicht scheinen diese Prognosen recht optimistisch. Analysten werden das Protokoll (Donnerstag, 13:30 Uhr) auf Hinweise danach absuchen, ob angesichts der aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten eine Zinserhöhung im April wahrscheinlich ist.
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April 10, 2026 04:30 ET (08:30 GMT)
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