
© Foto: fn Symbolbild
Was für ein Absturz. Gerresheimer galt mal als solides deutsches Industrieunternehmen, ein verlässlicher Name, der Glasverpackungen und Medizinprodukte für die Pharmaindustrie liefert. Davon ist heute kaum noch etwas übrig. Die Aktie hat seit 2023 mehr als 80 Prozent an Wert verloren, der Kurs notiert auf einem Mehrjahrestief, und ein Ende der Negativspirale ist wohl noch nicht in Sicht. Als wäre das nicht genug, hat das Unternehmen jetzt auch noch seinen Platz im SDAX verloren. Der Grund: Gerresheimer hat seinen Jahresabschluss nicht rechtzeitig eingereicht. Dahinter steckt ein handfester Bilanzskandal, mit dem die Finanzaufsicht BaFin befasst ist. Der Chart sieht aus wie eine Katastrophe. Anleger fragen sich längst nicht mehr, ob eine Erholung kommt oder wie weit eine Erholung gehen könnte, sondern eher damit, wie tief die Aktie noch fallen kann.
Bilanzskandal und Indexausschluss - die Krise potenziert sich
Bei Gerresheimer läuft seit Monaten so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann. Der Verpackungshersteller kämpft nicht nur mit schwachen Geschäftszahlen, sinkenden Margen und einem Schuldenberg von rund 2 Milliarden Euro. Mitten in diese ohnehin angespannte Lage platzte ein Bilanzierungsproblem, das das Unternehmen seither nicht mehr loslässt. Die Finanzaufsicht BaFin wirft Gerresheimer Fehler bei der Verbuchung von Erlösen vor, ein Vorwurf, der schwer wiegt. Um die Sache aufzuklären, wurde eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft eingeschaltet. Die prüft gerade Geschäfte aus den Jahren 2024 und 2025. Das dauert. Und es kostet Zeit, die das Unternehmen nicht hat. Die Folge: Der testierte Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2024/25 konnte nicht wie vorgeschrieben bis Ende März vorgelegt werden. Das reichte dem Indexanbieter ISS Stoxx für den Rauswurf. Seit dem 10. April ist Gerresheimer kein SDAX-Mitglied mehr. Den freigewordenen Platz hat die bulgarische Shelly Group eingenommen, ein Smart-Home-Anbieter aus Sofia, den bis vor Kurzem kaum jemand kannte. Dieser Tausch sagt viel über den Zustand von Gerresheimer aus. Indexfonds und ETFs, die den SDAX abbilden, sind nun gezwungen, die Gerresheimer-Aktie zu verkaufen. Das erhöht den Druck auf den Kurs zusätzlich, und genau das haben Anleger in den Tagen rund um den Rauswurf gespürt.
Charttechnik
Der Blick auf den Chart ist freundlich ausgedrückt ernüchternd, aus Anlegersicht eher erschreckend. Seit dem Mehrjahreshoch im Jahr 2023 befindet sich die Gerresheimer-Aktie in einem anhaltenden Abwärtstrend. Auf Jahressicht hat das Papier über 60 Prozent verloren. Gegenüber dem Hoch von 2023 beträgt der Einbruch inzwischen über 80 Prozent. Im Februar markierte die Aktie ein Mehrjahrestief bei 14,80 Euro. Im März gab es zwar eine kurze Gegenbewegung, aber die fiel so schwach aus, dass sie kaum als echte Erholung bezeichnet werden kann. Aktuell notiert Gerresheimer wieder bei rund 17,20 Euro und damit gefährlich nah an diesem Tief. Technisch betrachtet fehlt jede Stabilisierung. Es gibt keinen belastbaren Boden, keine Unterstützungszone, die dem Kurs wirklich Halt gibt. Der RSI notiert mit 33 Punkten zwar nur knapp vor der Überverkauftzone, aber auch das ist kein Zeichen für einen Rebound, sondern eher ein Warn- und Bestätigungssignal für die aktuelle Schwäche. Kurzfristig könnte die Nähe zum Februar-Tief noch eine Rolle spielen, denn fällt die Aktie darunter, dürfte sich die Abwärtsdynamik beschleunigen. Ein Test der psychologisch wichtigen Marke von 10 Euro wäre dann kein unrealistisches Szenario mehr. Ob die Aktie irgendwann auf 0 Euro fällt, bleibt Spekulation. Aber der Chart gibt aktuell keinen einzigen Grund zur Entwarnung. Und bei Bilanzskandalen kann alles passieren.

Was tun?
Die Faktenlage ist recht eindeutig, und sie ist nicht gut, sondern: schlecht. Schwache Zahlen, hohe Schulden, ein laufender Bilanzskandal, der Indexrauswurf und ein Chart, der aussieht wie eine Katastrophe. Hinzu kommt, dass durch den SDAX-Ausschluss weiterer Verkaufsdruck durch Indexfonds entstehen könnte. Solange der Jahresabschluss nicht vorliegt, voraussichtlich erst im Juni, bleibt die Unsicherheit über das wahre Ausmaß der Bilanzprobleme bestehen. Und solange diese Unsicherheit anhält, haben institutionelle Investoren kaum einen Grund einzusteigen. Für Anleger, die die Aktie noch im Depot haben, ist die Lage unangenehm. Ein Verkauf nach einem 80-Prozent-Einbruch fühlt sich bitter an. Aber das Festhalten nur in der Hoffnung auf eine Erholung ist auch keine kluge Strategie. Wer auf eine Trendwende spekulieren möchte, und noch nicht eingestiegen ist, sollte zumindest abwarten, bis der testierte Abschluss vorliegt und die BaFin-Prüfung abgeschlossen ist. Erst dann lässt sich beurteilen, wie groß der tatsächliche Schaden ist. Kurzfristig spricht daher wenig für einen Einstieg. Gerresheimer ist derzeit ein klarer Fall für die Beobachtungsliste, aber nicht für das Depot.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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