Servus und moin, moin allerseits aus München!
Willkommen zurück in meiner kleinen Nachhaltigkeitssprechstunde. Heute widmen wir uns einem Thema, das von Übersetzungsprogrammen gelegentlich etwas unglücklich als "G-Punkte" bezeichnet wird. Gemeint sind natürlich G-Scores, wobei das G für Governance steht.
Die zentrale Frage lautet: Wie gut sagen Governance-Scores eigentlich voraus, wohin sich ein Unternehmen wirtschaftlich und an der Börse entwickelt?
Erinnert man sich an Gespräche mit ESG-Ratinganbietern, müsste die Antwort eindeutig sein: sehr gut. Volkswagen, Wells Fargo und andere prominente Skandalfälle - all das sei, so hört man, Monate im Voraus durch schlechte Governance-Scores korrekt vorhergesagt worden.
Nun ja. Anekdotische Evidenz beeindruckt mich selten. Ganz abgesehen von der Frage, ob mir hier tatsächlich echte Point-in-Time-Daten präsentiert werden - oder ob die Bewertungsmodelle nicht doch nachträglich so kalibriert wurden, dass sie vergangene Skandale möglichst gut erklären. Also habe ich den Hochglanzbroschüren den Rücken gekehrt und einen Blick in die wissenschaftliche Literatur geworfen (bei Interesse an den akademischen Quellen kontaktieren Sie mich bitte).
Die gute Nachricht zuerst
Governance-Scores besitzen durchaus Prognosekraft - allerdings vor allem in Bezug auf zukünftige ESG-bezogene Ereignisse, weniger auf Aktienrenditen. Studien zeigen: ESG-Ratings, einschließlich Governance, sagen künftige ESG-Vorfälle recht zuverlässig voraus - insbesondere dann, wenn mehrere Ratingagenturen zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Sobald sich die Einschätzungen stark unterscheiden, leidet die Aussagekraft erheblich.
Kurz gesagt: Governance-Scores funktionieren als Frühwarnsystem.
Und was bedeutet das für die Börse?
Jetzt wird es für die Kapitalmarktinteressierten unter Ihnen spannend. Studien zeigen nämlich auch: Verbessern Unternehmen ihre Governance-Praktiken, reagiert der Markt kurzfristig positiv - vor allem in Phasen, in denen ESG-Themen ohnehin stark im Fokus stehen.
Das passt zur Logik des sogenannten ESG-Momentum-Ansatzes: Wer sich verbessert, wird belohnt. Unternehmen mit steigenden ESG-Scores verzeichnen häufig kurzfristig positive Renditen und geringere Volatilität.
Man könnte sagen:
Governance wirkt wie Traubenzucker - keine Langzeittherapie, aber ausgezeichnet für einen schnellen Energie-Boost.
Das große ABER
Viele Anleger wünschen sich, dass gute Governance automatisch zu dauerhaft überdurchschnittlicher Unternehmensperformance führt. Die Forschung ist hier allerdings ernüchternd.
Eine umfassende Untersuchung zu Governance-Ratings in den USA zeigt: Aggregierte Governance-Scores eignen sich kaum dazu, operative Kennzahlen wie ROA oder Tobin's Q vorherzusagen. Informationsgehalt findet sich eher in einzelnen Unterkategorien - etwa bei Transparenz, spezifischen Kontrollmechanismen oder Vergütungsstrukturen.
Governance wirkt also bei manchen Unternehmen hervorragend - bei anderen überhaupt nicht. Ein klassischer Fall von: "Es kommt darauf an."
Tatsächlich findet moderne empirische Forschung über große Stichproben und lange Zeiträume hinweg keinen konsistenten Zusammenhang zwischen Corporate Governance und langfristiger Unternehmensperformance.
Wo liegt das Problem? Eine kurze Ursachenforschung
- Ratingagenturen sprechen unterschiedliche Governance-Dialekte
Methoden, Messpunkte und Gewichtungen variieren stark. Die teils erheblichen Abweichungen zwischen Ratings verwässern die Aussagekraft. - Governance ist hochgradig kontextabhängig
Ein Mechanismus, der in einem Tech-Start-up hervorragend funktioniert, kann im Großkonzern pures Chaos auslösen. Standardisierte Punktesysteme werden dieser Vielfalt kaum gerecht. - Gute Governance ist oft bereits eingepreist
Hohe Governance-Standards stehen für Stabilität und geringeres Risiko. An der Börse bedeutet das meist: weniger Überraschungen - aber eben auch weniger Renditepotenzial.
Was heißt das nun für Investorinnen, Manager und Nachhaltigkeitsinteressierte?
Erstens: Verlassen Sie sich nicht blind auf Gesamt-Governance-Scores. Sie sind hilfreich, aber als primäres Prognoseinstrument schwach.
Zweitens: Beobachten Sie Veränderungen, nicht Niveaus. Governance-Momentum wirkt wie ein medizinischer Verlaufsparameter: Entscheidend ist die Richtung, nicht der Ausgangswert.
Drittens: Analysieren Sie Governance granular. Einzelmerkmale wie Board-Unabhängigkeit, Transparenz, Kontrollmechanismen oder Vergütungsstrukturen sind oft deutlich aussagekräftiger als ein Gesamtscore.
Viertens: Betrachten Sie Governance im Zusammenspiel - mit Branchenfaktoren, Risikoprofilen und Sentimentdaten. Erst dann entsteht ein differenziertes Bild.
Und schließlich: Verstehen Sie Governance primär als Risikoschutz, nicht als Renditegarant. Sie ist der Airbag des Unternehmens - kein Turbo.
Fazit
Governance-Scores sind weder Placebos noch Zauberelixiere. Sie liefern echte Informationen - insbesondere zur Früherkennung kritischer Ereignisse und zum Verständnis kurzfristiger Marktdynamiken. Als langfristige Kristallkugel taugen sie jedoch nur bedingt. Oder, um es medizinisch auszudrücken: Gute Governance fördert die Gesundheit eines Unternehmens - garantiert aber keine sportlichen Höchstleistungen.
In diesem Sinne: Gehen Sie nach der Lektüre dieses Beitrags vor die Tür und bewegen Sie sich ein wenig - damit auch Sie nachhaltig gesund bleiben.
Ihr Dr. Bernd Spendig
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