DJ MARKT-AUSBLICK/Das Stagflationsgespenst geht an den Börsen wieder um
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Der Iran-Krieg meldet sich zurück. Nachdem es zuletzt nach einer Pattsituation zwischen den USA und dem Iran ausgehen hatte, droht nun eine neue Eskalationsspirale. Nicht nur denken die USA über eine verlängerte Blockade der Straße von Hormus nach, sondern sie schmieden auch angebliche Pläne für neue Militärschläge gegen den Iran. Offenbar soll auf diesem Weg der Wille des Mullah-Regimes gebrochen werden, Zweifel am Erfolg sind angebracht.
Der Ölpreis reagierte umgehend. Der Preis für die Sorte Brent ist im Hoch auf rund 125 Dollar das Fass gestiegen und damit deutlich über die bisherigen Höchststände seit Ausbruch des Iran-Kriegs. Aber damit nicht genug: Die Renditen an den Anleihemärkten schossen nach oben, die der japanischen 10-jährigen Staatsanleihen sogar auf den höchsten Stand seit 1997, die der 10-jährigen Bundesanleihen immerhin auf das höchste Niveau seit 2011.
An den Märkten geht die Stagflationsangst wieder um und den Zentralbanken sind weitgehend die Hände gebunden. Die US-Notenbank hat am Vorabend ihre Zinspause wie mehrheitlich erwartet verlängert, wobei sich allerdings größere Meinungsverschiedenheiten darüber zeigten, ob weitere Zinssenkungen - wie von US-Präsident Donald Trump vehement gefordert - in Aussicht gestellt werden sollten.
In einem ähnlichen Dilemma stecken auch die anderen großen Notenbanken. Am Berichtstag stehen nun die geldpolitischen Entscheidungen der Bank of England sowie der EZB im Fokus. In beiden Fällen wird eine Bestätigung des aktuellen Zinsniveaus erwartet, spannend werden daher die Ausblicke. Wie die Commerzbank anmerkt, kochen an den Märkten mit Blick auf die Lage sogar Spekulationen über einen Emergency-Hike oder mögliche 50 Basispunkte wieder hoch.
Wie verfahren die Lage ist, zeigt die Reaktion auf den Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus der Opec. Der Ölpreis gab daraufhin nicht nach, obgleich zu erwarten ist, die VAE die Produktion hochschrauben werden, ganz zu schweigen von der wahrscheinlichen Erosion des Erdölkartells. Angesichts der geschlossenen Straße von Hormus ist dies bislang aber nicht mehr als ein theoretisches Szenario.
Noch wirkt der Krieg an den Börsen hauptsächlich über die gestiegenen Energiepreise. Die gerade auf einen ersten Höhepunkt zulaufende Berichtssaison zeigt bislang kaum Spuren und stellt eine wichtige Unterstützung für die Börsen dar, genauso wie die gerade beginnenden Dividendensaison. Nach Berechnungen der Commerzbank dürften die DAX-Unternehmen einen neuen Rekordwert an die Aktionäre ausschütten.
Mit einem BIP-Wachstum von 0,3 Prozent im ersten Quartal ist auch die deutsche Wirtschaft ordentlich ins neue Jahr gestartet. Diese Entwicklung ist laut der Deutschen Bank erfreulich, aber wohl nicht von langer Dauer. "Denn: Die Geopolitik wirft einen großen Schatten auf die Weltwirtschaft." Demnach sei im zweiten Quartal mit einer spürbaren Abbremsung der Konjunkturdynamik zu rechnen, so die Analysten.
Die in der kommenden Woche anstehenden Daten zur deutsche Industrieproduktion für März sollten sich sogar verbessert haben, genauso wie der US-Arbeitsmarkt, wenngleich von einem niedrigen Niveau. Aber wie lange wird die Wirtschaft und auch die Börsen dem nahenden Sturm noch standhalten können? Schlimmeres kann nur eine baldige Öffnung der Straße von Hormus abwenden, danach sieht es aktuell aber nicht aus. Was bleibt, ist die Hoffnung.
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April 30, 2026 06:26 ET (10:26 GMT)
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