DJ EZB-Chefin Lagarde skeptisch gegenüber Euro-Stablecoins
Von Hans Bentzien
DOW JONES--EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat sich skeptisch zum Nutzen von Euro-Stablecoins geäußert. Bei einer Konferenz in Spanien wies sie auf Zielkonflikte hin, die sich aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) ergeben würden und die die Finanzstabilität und die Transmission der Geldpolitik betreffen. Folgende Punkte machte Lagarde:
1. Bedrohung der Finanzstabilität
"Stablecoins sind private Verbindlichkeiten, deren Stabilität von der Glaubwürdigkeit und Liquidität ihrer Absicherung abhängt. Solange das Vertrauen besteht, funktionieren sie wie vorgesehen. Sobald es jedoch schwindet, kann die Nachfrage nach Rücknahmen plötzlich einsetzen und sich selbst verstärken", sagte die EZB-Präsidentin. Als die Silicon Valley Bank im März 2023 kollabiert sei, habe Circle bekanntgegeben, dass 3,3 Milliarden US-Dollar der Reserven des USD Coin dort gehalten worden seien. Der USD Coin handelte kurzzeitig bei 0,877 US-Dollar und damit mehr als 12 Cent unter seinem versprochenen Nennwert. "In großem Maßstab können solche Dynamiken Stress auf die zugrunde liegenden Vermögensmärkte übertragen", warnte Lagarde.
Systeme mit mehreren Emittenten würden Lagarde zufolge eine weitere Dimension der Anfälligkeit erzeugen. Wo derselbe Stablecoin gemeinsam von EU- und Nicht-EU-Einheiten ausgegeben werde, würden die Schutzmaßnahmen der MiCAR-Richtlinie nur für den EU-Emittenten gelten. "Bei einem Run werden Anleger naturgemäß dort eine Rücknahme versuchen, wo der Schutz am stärksten ist - was wahrscheinlich die EU sein wird, wo MiCAR zudem Rücknahmegebühren verbietet", gab sie zu bedenken. Die in der EU gehaltenen Reserven würden jedoch vielleicht nicht ausreichen, um eine solch konzentrierte Nachfrage zu bedienen.
2. Schwächung der geldpolitischen Transmission
Die Fähigkeit der EZB, Preisstabilität zu gewährleisten, hängt davon ab, dass Zinsentscheidungen Unternehmen und Haushalte über das Bankensystem erreichen. "Wenn Einlagen von Privatkunden in Nicht-Bank-Stablecoins abwandern und als Großkundenfinanzierung zu den Banken zurückkehren, verengt sich dieser Kanal. Banken vergeben weniger oder weniger effizient Kredite, und der Durchlauf von den Leitzinsen in die Realwirtschaft schwächt sich ab", erläuterte Lagarde. Untersuchungen der EZB hätten ergeben, dass im Euroraum, wo Banken die dominierende Kreditquelle für die Realwirtschaft seien, eine groß angelegte Substitution von Einlagen die Kreditvergabe an Unternehmen und die Übertragung der Geldpolitik schwächen würde.
In den USA, wo Unternehmen breiten Zugang zu den Kapitalmärkten haben, könnte dieser Effekt weniger ins Gewicht fallen: Eine Kontraktion der Bankkreditvergabe könnte dort potenziell leichter aufgefangen werden.
Zusammengenommen sind diese Zielkonflikte Lagarde zufolge "erheblich". "Sie wiegen schwerer als die kurzfristigen Gewinne bei den Finanzierungsbedingungen und der internationalen Reichweite, die auf Euro lautende Stablecoins bieten könnten", urteilte sie. Um die internationale Attraktivität des Euro zu stärken, stellten Stablecoins keinen effizienten Weg dar. Die beste Lösung blieben besser integrierte Kapitalmärkte durch die Spar- und Investitionsunion.
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