DJ MARKT-AUSBLICK/Bei raschem Friedensschluss sind neue DAX-Allzeithochs drin
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Die Hoffnung stirbt zuletzt. Regelrecht euphorisch haben die Börsen auf Berichte reagiert, der Iran und die USA stünden unmittelbar vor einem formalen Friedensabschluss. Bislang ist es nicht soweit und kleinere Scharmützel sorgen immer wieder für Verunsicherung, insgesamt hält der Waffenstillstand zwischen beiden Parteien aber weiter. Bei einer Einigung dürfte der DAX rasch auf neue Allzeithochs steigen, auch wenn die Folgen des Iran-Kriegs noch lange zu spüren sein werden.
Mit Ständen von zeitweise über 25.000 ist der DAX in dieser Woche in Schlagweite des Alleithochs von 25.508 gestiegen. Er konnte dieses Niveau zwar nicht halten, es ist aber davon auszugehen, dass der Index bei einem Friedenschluss rasch auf neue Höchststände klettern wird. Dass es zu einer Einigung kommt, dafür sprechen nach Einschätzung von Stratege Robert Greil von Merck Finck Marktdruck, Munitionsengpässe und die näher rückenden Midterms. US-Präsident Donald Trump brauche niedrigere Inflationsraten.
Aber selbst bei einer raschen Einigung wird der Krieg tiefe Spuren hinterlassen. Denn die Energiepreise werden nicht auf die alten Niveaus fallen. "So benötigt die Reparatur der Energieinfrastruktur nach Aussagen der Internationalen Energieagentur bis zu zwei Jahre", so die Commerzbank. Auch seien zukünftig höhere Risikoprämien zu erwarten. Die gestiegenen Energiepreise dürften das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr für Deutschland und den Euroraum um jeweils 0,4 Prozentpunkte dämpfen, heißt es.
Dass der DAX dennoch bei einem Friedensschluss rasch auf neue Allzeithochs steigen dürfte, liegt an einer auf beiden Seiten des Atlantiks besser laufenden Berichtssaison. Laut MainSky dürften die S&P-500-Gewinne zum Vorjahr um 30 Prozent gestiegen sein. Mit Blick auf die US-Berichtssaison spricht die Deutsche Bank sogar von einem "spektakulären" Verlauf. Zum ersten Mal seit vier Jahren werde erwartet, dass alle elf Top-Level-Sektoren ein Gewinnwachstum im Vergleich zum Vorjahr ausweisen.
Aber nicht nur an der Wall Street steigen die Gewinnprognosen. Der Trend der Analysten-Gewinnerwartungen für den DAX hat laut der Commerzbank seit Anfang 2025 um 9 Prozent zugelegt und notiert damit auf einem Allzeithoch. Vor allem das anhaltend starke Wachstum in den für viele DAX-Unternehmen wichtigen Exportmärkten USA und China dürfte geholfen haben, negative Faktoren wie die steigenden Inputkosten für Energie und das anhaltend schwache Wachstum im Heimatmarkt zu kompensieren, heißt es.
Der steigende Trend der DAX-Unternehmensgewinne hat dem deutschen Leitindex geholfen, einen Großteil der 12 Prozent-Korrektur infolge des Iran-Krieges mittlerweile wieder wettzumachen. Dass sich der S&P-500 besser entwickelt hat als der DAX liegt vor allem an der höheren Gewinndynamik der US-Unternehmen. Nicht nur sind diese stärker im Energiesektor präsent, viel wichtiger ist das explosive Gewinnwachstum von Technologie-Unternehmen, getrieben von KI, ein Sektor, in dem deutsche Konzerne kaum mitspielen.
Mit jedem Tag ohne Friedensabschluss steigen aber die Risiken. Die in der kommenden Woche anstehenden ZEW-Konjunkturerwartungen für Mai dürften weiter nachgegeben haben genauso wie die für die US-Wirtschaft wichtigen US-Einzelhandelsumsätze. Auch dürfte die US-Inflation im April weiter gestiegen sein. Hauptgrund sei die starke Verteuerung von Öl, die sich besonders bei den Benzinpreisen bemerkbar mache, so die Commerzbank.
Für Zweitrundeneffekte ist es wohl noch zu früh. Bleiben diese aus, sollten die Inflationserwartungen nach einem Friedensschluss rasch wieder fallen, was eine große Erleichterung für die Zentralbanken darstellen würde. An den Märkten wird derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) für Juni eingepreist. Wie es danach weitergeht, ist völlig offen. Für den Dollar-Raum erwarten die Märkte für das laufende Jahr ein Stillhalten der US-Notenbank - zumindest bislang.
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May 08, 2026 05:57 ET (09:57 GMT)
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