DJ MARKT-AUSBLICK/Hoher Börsenoptimismus spricht für Korrektur
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Die Börsenoptimisten haben derzeit Oberwasser. Die Hoffnung, dass es bald zu einem Friedensschluss zwischen den USA und dem Iran kommen wird, hat den DAX wieder Richtung 25.000 Punkte getrieben. Bei einer Einigung dürfte das Allzeithoch zügig fallen. Bei negativen Schlagzeilen drohen dagegen erneut empfindliche, aber verkraftbare Rückschläge. Die nach wie vor soliden Unternehmensgewinne stützen die Aktienmärkte genauso wie der KI-Boom.
Die Nachrichten überschlagen sich, zum Teil sind sie widersprüchlich. Fast stündlich gibt es neue "Erkenntnisse" über den Stand der Verhandlungen, manche positiv, andere negativ. Klar sind zumindest die Hauptstreitpunkte: zum einen die Zukunft des iranischen Atomprogramms und zum anderen die Frage über die zukünftige Kontrolle über die Straße von Hormus sowie die damit verbundenen iranischen Mautpläne.
Die Zuversicht der Börsianer speist sich letztlich aus der US-Innenpolitik. "US-Präsident Donald Trump steht gehörig unter Druck, mit einer Lösung des Iran-Konflikts den Preis-Turnaround hinzubekommen, um bei den Midterms im November noch eine realistische Chance für die Verteidigung der beiden republikanischen Mehrheiten im US-Kongress zu haben", fasst Stratege Robert Greil von Merck Finck die Marktstimmung zusammen.
Die Zeit drängt. Die Konjunkturdaten trüben sich zunehmend ein, und die Inflation tickert langsam, aber sicher nach oben. Das dürften auch die deutschen Preisdaten in der kommenden Woche zeigen. Diese könnten zwar nominal wegen des Tankrabatts im Mai leicht gefallen sei, dürften aber weit über dem EZB-Ziel von 2 Prozent verbleiben. Hinzu kommt, dass sie in der Kernrate ohne die volatile Energiekomponente weiter gestiegen sein dürften.
Die Commerzbank sieht das Risiko eines unruhigen Herbstes. Die Ölreserven reichten bei einer anhaltenden Blockade der Straße von Hormus nur auf den ersten Blick bis Mitte nächsten Jahres, heißt es. Bei einzelnen Ölprodukten wie Kerosin könnte es in Europa schon in wenigen Monaten zu Engpässen kommen. Auch dürften die Marktteilnehmer bereits unruhig werden, lange bevor die Reserven aufgebraucht seien.
Ein wichtiger Grund, warum sich die Börsen bislang so gut gehalten haben, ist die gerade zu Ende gegangenen starke Berichtssaison für das erste Quartal. Die Gewinne der im DAX notierten Unternehmen sind um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Dies bedeutet laut der Deutschen Bank eine erhebliche Beschleunigung gegenüber den Vorquartalen und die höchste Wachstumsrate seit mehr als zwei Jahren.
Ein anderer Grund für die Börsenresilienz ist der KI-Boom. Chipgigant Nvidia hat erneut beeindruckende Geschäftszahlen vorgelegt und die Skeptiker eines Besseren belehrt. Auch sorgen die anstehenden Börsengänge von OpenAI, SpaceX und Anthropic für Kursfantasie. Ob KI zum Fluch oder Segen für die Menschheit wird, muss die Zukunft zeigen. Anleger interessiert vor allem die mit KI verbundene Hoffnung auf eine höhere Produktivität zu Zeiten, in denen das Wirtschaftswachstum zu versiegen droht.
Die Sentimentindikatoren sprechen derweil dafür, dass die Börsen kurzfristig korrigieren könnten. In der stark beachteten jüngsten Fund Manager Survey der Bank of America (BoA) ist von einem "sprunghaft gestiegenen Anstieg des Optimismus" der befragten Fondsmanager die Rede und einem Rekordanstieg bei der Aktienallokation. Der BoA Bull & Bear Indikator liege nur noch einen Tick von einem Verkaufssignal entfernt.
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May 22, 2026 06:20 ET (10:20 GMT)
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