
© Foto: KI-generiertes Symbolbild (ChatGPT).
Die Anteile von Halbleiterkonzern Infineon sind am Montag auf den höchsten Stand seit mehr als einem Vierteljahrhundert geklettert. Was geht da jetzt noch?
Endlich wieder Dotcom-Blase? Bei Infineon ein Grund zur Freude!
Der Aktie des deutschen Halbleiterspezialisten Infineon ist in den vergangenen Tagen und Wochen und Erstaunliches gelungen. Dank einer starken Rallye, befeuert auch durch die euphorische Stimmung gegenüber der gesamtem Branche und neuen Friedenshoffnungen im Nahen Osten, ist die Aktie am Montag auf den höchsten Stand seit mehr als einem Vierteljahrhundert geklettert. Ein Kurs von knapp 77 Euro bedeutete den besten Schlusskurs seit Juli 2000. Damit geraten zunehmend die auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase erzielten Rekordnotierungen ins Visier der Anlegerinnen und Anleger.

Aktie fundamental teuer, technisch inzwischen überhitzt
Noch sollten Investoren die Sektflaschen aber im Kühlschrank lassen, denn sowohl aus technischer als auch aus fundamentaler Perspektive ist die Rallye der Aktie inzwischen sehr weit fortgeschritten. Damit wächst die Korrekturgefahr täglich. Zwar ist das Momentum trotz der geringfügigen Kursverluste am Dienstag hoch, doch bevor es zu neuen Kursrekorden kommt, könnte zunächst eine scharfe Konsolidierung einsetzen.
Auf der einen Seite stellt die Unternehmensbewertung ein hohes Risiko dar. Für 2026 ist Infineon bereits dem 60,5-Fachen seiner erwarteten Gewinne bewertet, während für 2027 ein Gewinnvielfaches von 35,3 zu Buche steht - das übertrifft sogar die Schätzungen noch dynamisch wachsender Halbleiterkonzerne wie AMD und Nvidia. Außerdem lässt auf finanzieller Ebene vor allem der freie Cashflow zu wünschen übrig. Die Cashflow-Rendite soll dieses Jahr nicht mal ein Prozent betragen und 2027 auf lediglich 1,6 Prozent anwachsen.
Auf der anderen Seite lassen sich auch im Chart erste Anhaltspunkte für eine Korrektur finden. Anlegerinnen und Anleger könnten jetzt gut beraten sein, in Deckung zu gehen und hier vorerst nicht mehr zu investieren.

Die Korrekturgefahr wächst jetzt täglich
Übergeordnet befindet sich die Infineon-Aktie in einem mehrjährigen Aufwärtstrend. Nach einem längeren Verbleib in der Range zwischen 30 und 40 Euro gelang den Anteilen zum Jahreswechsel ein charttechnischer Ausbruch, dem ein erster Rallye-Schub folgte. Dieser wurde zwar zwischenzeitlich durch die im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg stehende Korrektur unterbrochen, konnte aber nach einer U-förmigen Konsolidierung wiederaufgenommen und verschärft werden. Der stark gestiegene Trendstärkeindikator MACD zeigt die Tempozunahme deutlich an.
Inzwischen hat sich die Aktie ausgehend von ihren Korrekturtiefs vor wenigen Wochen mehr als verdoppelt. Dadurch ist Infineon inzwischen stark überkauft, wie der Relative-Stärke-Index (RSI) mit einem tagesaktuellen Wert von 76,6 anzeigt. Auf Wochen- und Monatsbasis ist die technische Überhitzung mit RSI-Werten von 86,7 und 77,7 sogar noch größer. Damit dürfte den Anteilen langsam die Puste ausgehen, umso mehr, als dass im RSI mit bearishen Divergenzen ein erstes Warnsignal vorliegt.
Der Kursanstieg der Aktie wird nicht mehr durch einen Anstieg des RSI begleitet und unterstützt. Damit steht die Rallye technisch auf zunehmend unsicheren Beinen - ein Bild, das sich inzwischen bei vielen zuletzt sehr gut gelaufenen Halbleiteraktien, darunter auch Micron und SanDisk, zeigt. Im Chart nicht eingezeichnet, aber nicht minder ungefährlich ist außerdem die Notierung der Aktie außerhalb ihrer Bollinger Bänder. Sowohl im Wochen- als auch im Monatschart notieren die aktuellen Kerzen fast vollständig über dem oberen Bollinger Band, was eine technische und statistische Extremsituation darstellt.
Fazit: Keine FOMO bekommen, sondern Ausstieg planen
Damit liegen bei der Infineon-Aktie inzwischen beträchtliche Abwärtsrisiken sowohl von fundamentaler als auch von technischer Seite vor. Die nächstgelegenen Unterstützungen sind die gleitenden Durchschnitte bei 51,09 und 40,63 Euro sowie das Ausbruchsniveau im Bereich zwischen 47 und 48 Euro. Das bedeutet eine Korrekturgefahr von knapp 33 bis 47 Prozent.
Auch Analystinnen und Analysten sehen das Kurspotenzial inzwischen vollständig ausgeschöpft. Der faire Wert wird im Mittel mit 66,04 Euro veranschlagt, das liegt um rund 14 Prozent unter dem tagesaktuellen Kurs. Die Experten von MWB Research haben daher am Dienstag zum Verkauf der Aktie geraten. Ihr Kursziel wurde auf 60,00 Euro und damit um 20 Prozent unter dem Niveau vom Dienstagmittag festgesetzt.
Ein Nachjagen der Rallye kann Anlegerinnen und Anleger auf dem aktuellen Kurs- und Bewertungsniveau daher nicht ans Herz gelegt werden, im Gegenteil sollten Gewinne mitgenommen und Stopp-Loss-Orders gesetzt werden. Sich dem Trend der Aktie entgegen zustellen ist allerdings ebenso wenig eine gute Idee. Wer short gehen will, sollte zunächst eine klar erkennbare Top-Bildung abgewartet haben.
Gastautor: Max Gross
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