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Halbleiterwert Marvell Technology hat sich in wenigen Tagen verdoppelt. Inzwischen sind Kursgeschehen und Unternehmensbewertung völlig außer Kontrolle geraten.
Halbleiter-Aktien: Jeder will sie im Depot haben!
Die Halbleiterbranche ist die in diesem Jahr bislang heißeste Börsenwette. Angeführt von dreistelligen Kursgewinnen bei Einzelwerten wie AMD, Micron und SanDisk hat der Branchenindex Philadelphia Semiconductor seit dem Jahresauftakt bereits 94 Prozent an Wert gewonnen. Die Branche profitiert einerseits von den milliardenschweren Investitionsausgaben im Zusammenhang mit dem KI-Boom, sowie andererseits vom Iran-Krieg.
Während explodierende Energiepreise und stark steigende Inflations- und Zinserwartungen Gegenwind für den Rest des Aktienmarktes bedeuten, wähnen sich Investoren bei Halbleiter-Werten in Sicherheit, weil die Investitionsausgaben der Hyperscaler hier für mehr finanzielle Visibilität sorgen als das angesichts der schwachen Verbraucherstimmung beispielsweise bei Konsumgüterwerten der Fall ist.
Nvidia-Boss lobt Marvell - Anlegerinnen und Anleger ticken völlig aus
Doch der Boom bei Halbleiteraktien hat auch seine Schattenseiten. Sowohl das Kursgeschehen als auch die Unternehmensbewertungen sind angesichts des euphorischen Anlegersentiments völlig außer Kontrolle geraten. Damit liegen jetzt gewaltige Abwärtsrisiken für Anlegerinnen und Anleger vor, welche den Absprung nicht rechtzeitig schaffen.
Ein aktuelles Beispiel ist die Aktie von Marvell Technology, die sich in nur wenigen Tagen mehr als verdoppelt hat. Grundsätzlich neue Erkenntnisse zur Geschäftsentwicklung gab es keine. Für den gewaltigen Kursanstieg genügte bereits eine verbale Adelung von Nvidia-CEO Jensen Huang, der das Unternehmen als die nächste "Trillion-Dollar-Company" bezeichnete, also als den nächsten Konzern, der eine Börsenbewertung von mehr als einer Billion US-Dollar erreichen könnte.
Diese Prognose ist pikant, da sie selbst nach den gewaltigen Kursgewinnen der vergangenen Tage eine Vervierfachung des Aktienkurses impliziert. Besondere schärfe erhalten Huangs Aussagen außerdem dadurch, dass Nvidia an Marvell Technology beteiligt ist und von Kurswertsteigerungen der Aktie profitiert.

Aktie mit technischen Extremen auf Blasen-Niveau
Der Blick in den Chart zeigt, wie außergewöhnlich der Kursanstieg der Marvell-Aktie inzwischen ist. Der zeigt zum einen den gewaltigen Abstand zu den gleitenden Durchschnitten und zum anderen einen Relative-Stärke-Index, der mit fast 90 Punkten auf Tageskursbasis nicht nur extrem überkauft, sondern im Bereich einer Spekulationsblase angelangt ist. Noch dramatischer ist die Situation im Wochenchart. Hier liegt der RSI bei 95,5 Punkten. Das sind Werte, wie man sie eigentlich nur unmittelbar vor Börsencrashs kennt.
Noch spricht für eine unmittelbare Trendwende aber nur wenig. Das einzige Indiz für ein mögliches Ende der Rallye aus technischen Gründen liefern die bearishen Divergenzen im RSI, der sich trotz des Höhenfluges der Aktie zuletzt nicht mehr weiter steigern konnte. Dabei handelt es sich aber nur um ein Frühwarnsignal, das erst in einigen Tagen oder sogar Wochen tatsächlich zu einer Kehrtwende der Aktie führen könnte.
Auch die Bewertung hält der Realität kaum noch stand
Mit Blick auf die Unternehmensbewertung steht für 2026 ein erwartetes KGV von 72 zu Buche. Das liegt um fast 100 Prozent über dem 5-Jahres-Mittel sowie um 170 Prozent über dem inzwischen ohnehin schon üppigen Branchendurchschnitt von 26,7. Während einige Halbleiterwerte ihre hohen Gewinnvielfache dadurch rechtfertigen, ein in der Fundamentalanalyse als günstig geltendes Kurs-Gewinnwachstumsverhältnis (PEG) von unter 1,0 aufzuweisen, ist das bei Marvell Technology nicht der Fall. Die Aktie wird mit einem PEG von 1,64 gehandelt.
Bei anderen Kennziffern liegen die Abweichungen sowohl der historischen Norm als auch der Vergleichsgruppe bei mehreren hundert Prozent. Das spricht nicht nur für eine dramatisch überkaufte, sondern eine gleichzeitig auch dramatisch überbewertete Aktie und sollte Anlegerinnen und Anleger jetzt zur Vorsicht mahnen.
Fazit: Umso wilder die Party, desto schlimmer hinterher der Kater
Wenngleich sich angesichts der Extreme Gewinnmitnahmen empfehlen, muss von Short-Wetten ausdrücklich abgeraten werden. In euphorischen Marktphasen wie der aktuellen steigen Aktien häufig länger als es die meisten Anlegerinnen und Anleger erwarten. Zwar ist dann auch der Börsenkater entsprechend groß, das Ende der Party ist aber kaum sinnvoll vorherzusagen - genau dieses Timing ist für erfolgreiche Short-Wetten jedoch nötig. Die Aktie von Marvell Technology steht damit beispielhaft für die gesamte Halbleiterbranche.
Jetzt noch in den Exzess einzusteigen ist nicht ratsam. Wer die Rallye verpasst hat, wird sich andere Marktsegmente suchen oder wenigstens eine Korrektur abwarten müssen. Wer rechtzeitig investiert hat, sollte über Gewinnmitnahmen nachdenken, da sich Charts und Bewertungen längst im hochspekulativen Bereich bewegen. Schon die am Mittwochabend anstehenden Zahlen von Marvell-Mitbewerber Broadcom, einem weiteren Spezialisten für nach Kundenwunsch entwickelten Halbleiterprodukten, könnten die Rallye kippen lassen.
Gastautor: Max Gross
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