
© Foto: olivia cox auf Pixabay (Symbolbild)
Adidas hat in den vergangenen Tagen und Wochen einen starken Lauf gestartet. Vom Tief bei 130 Euro im Frühjahr kämpfte sich die Aktie bis über die 170er-Marke, und Analysten wie die kanadische RBC sehen sogar Potenzial bis 210 Euro. Die bevorstehende Fußball-WM sorgt für medialen Rückenwind, denn die Herzogenauracher statten gleich 14 Nationalteams aus und liefern den offiziellen Spielball. Das alles klingt recht gut, doch so eindeutig ist die Lage nicht. Der RSI sendet ein Warnsignal, die Charttechnik zeigt Erschöpfungszeichen, und ausgerechnet beim WM-Trikotgeschäft gibt es einen Makel, über den kaum jemand sprechen möchte, nämlich Fälschungen. Ob die Adidas-Aktie jetzt noch Fahrt aufnehmen kann oder sich eine Verschnaufpause anbahnt, lesen Sie hier.
Starke Zahlen und Analystenhochstufung
RBC Capital Markets hat die Adidas-Aktie auf "Outperform" hochgestuft und das Kursziel deutlich von 170 auf 210 Euro angehoben. Analyst Piral Dadhania sieht ein gut berechenbares Ergebniswachstum, das an der Spitze der Sportartikelbranche liegt, bei einer Bewertung, die das noch gar nicht vollständig widerspiegelt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der 2027er-Schätzungen liegt bei rund 13. Zum Vergleich: Ähnliche westliche Wettbewerber werden mit etwa 15 bewertet. Bis 2027 rechnet RBC mit einem jährlichen Gewinnwachstum je Aktie von 25 Prozent. Der Branchendurchschnitt liegt bei gerade mal 11 Prozent. Was das Vertrauen der Analysten stützt ist, dass Adidas seit 2023 seine eigene Jahresprognose jedes Mal übertroffen hat. Für 2026 erwartet RBC einen Umsatz von 26,6 Milliarden Euro und ein bereinigtes Betriebsergebnis von 2,45 Milliarden Euro, damit liegt die Bank sogar über der unternehmenseigenen Prognose von 2,3 Milliarden Euro. Die Quartalszahlen von Anfang 2026 haben das bestätigt. Der Umsatz wuchs um sieben Prozent auf 6,6 Milliarden Euro, der Gewinn je Aktie lag bei 2,72 Euro. Die nächsten Zahlen kommen Ende Juli. Unterstützung kam auch von der Citigroup. Ihre Kundenbefragung zeigt, dass chinesische Konsumenten nach wie vor zu internationalen Marken greifen. Davon profitiert auch Adidas. In Nordamerika und Europa trübt sich die Stimmung dagegen leicht ein. Analysten halten das aber für beherrschbar.

Charttechnik
Vom 52-Wochen-Tief bei rund 130 Euro Ende März hat sich die Adidas-Aktie in wenigen Wochen dynamisch auf über 173 Euro regelrecht nach oben geschossen. Das sind mehr als 30 Prozent in kurzer Zeit. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt inzwischen rund 15 Prozent unter dem aktuellen Kurs und auch der 200er SMA liegt unter dem aktuellen Kurs. Das ist ein Zeichen dafür, wie stark und schnell die Erholung war, denn noch im März lag der Kurs unter den beiden SMAs. Doch jetzt wird es interessant, denn der RSI notiert derzeit bei rund 70, und das ist eine klassische Warnschwelle. Technisch gilt ein RSI-Wert ab 70 als überkauft. Frisches Kaufkapital drängt gerade nicht massiv in die Aktie. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass der Kurs gerade die Zone um 170 Euro überwunden hat, die lange als wichtiger Widerstand galt. Gelingt eine nachhaltige Etablierung darüber, eröffnet sich der Weg in Richtung 190 bis 200 Euro, das wäre dann das Analystenszenario-Kursziel. Scheitert der Ausbruch, ist eine Korrektur zurück in den Bereich von 150 bis 160 Euro gut denkbar, dort liegt auch die nächste relevante Unterstützung. Ein Rutsch unter 157,50 Euro wäre hingegen ein klares Verkaufssignal. Die WM gibt zwar Rückenwind, theoretisch, denn Adidas rüstet 14 Teams aus und liefert den offiziellen Ball. Das sorgt für Sichtbarkeit, aber ob es auch für Umsatz sorgt, ist eine andere Frage. Original-Trikots kosten je nach Modell 90 Euro und teils auch deutlich mehr. Fälschungen sind längst so gut geworden, dass viele Fans sie kaum vom Original unterscheiden, und zahlen dafür unter 20 Euro. Der Trikotabsatz könnte deshalb deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben. Hinzu kommt: Ab 2027 übernimmt Nike als DFB-Ausstatter. Die letzte gemeinsame WM mit dem deutschen Team ist also eher schon ein Abschied.
Was tun?
Adidas hat sich operativ stabilisiert. Die fundamentale Bewertung ist ok, aber trotzdem ist jetzt kein Moment einfach blind zu kaufen in der Hoffnung auf das Kursziel der RBC. Charttechnisch ist die Luft kurzfristig dünn, ein RSI von 70 ist keine Einladung zum Einstieg, sondern eher ein Signal zur Vorsicht. Wer die Aktie bereits im Depot hat, kann Gewinne laufen lassen, könnte aber, für den Fall, dass es tatsächlich weiter steigt, ab etwa 195 Euro bis 205 Euro über eine Teilgewinnmitnahme nachdenken. Ein Neueinstieg auf aktuellem Niveau birgt das Risiko, in eine kurze Konsolidierungsphase zu kaufen. Wer einsteigen möchte, wartet besser auf einen Rücksetzer in Richtung 150 bis 160 Euro. Aktuell sieht der Chart eher nach einer Pause aus, bevor es weitergehen könnte.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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