
Wenn Kreditentscheidungen nicht mehr auf alte Abschlüsse warten, sondern das laufende Geschäft in den Blick nehmen, verändert sich der Zugang zu Kapital für KMU. Gion van den Bogaert von Floryn erklärt, was das bedeutet.
Herr van den Bogaert, warum stößt die klassische Kreditprüfung bei kleinen und mittleren Unternehmen zunehmend an ihre Grenzen?
Die klassische Kreditprüfung ist sehr stark rückwärtsgewandt. Jahresabschlüsse, betriebswirtschaftliche Auswertungen, Steuerunterlagen oder Sicherheiten sind wichtig, sie zeigen aber oft nicht, wie ein Unternehmen heute tatsächlich dasteht. Gerade bei kleineren Unternehmen kann sich die Liquidität innerhalb weniger Wochen deutlich verändern, etwa durch neue Aufträge, saisonale Nachfrage, Warenaufbau oder verzögerte Zahlungseingänge.
Hinzu kommt: Viele Finanzierungsbedarfe im KMU-Segment sind nicht groß genug, um aus wirtschaftlicher Sicht einen hochkomplexen manuellen Kreditprozess zu rechtfertigen. Für Banken sind kleinere Tickets oft zu kleinteilig, für die Unternehmen selbst können sie aber geschäftskritisch sein. Genau hier entsteht eine Lücke. Unternehmen brauchen Entscheidungen, die schnell, transparent und zugleich verantwortungsvoll sind.
Das ist auch einer der Gründe, warum wir Floryn auf einer anderen Logik aufgebaut haben: digital dort, wo es Geschwindigkeit und Klarheit schafft, aber weiterhin menschlich dort, wo unternehmerischer Kontext zählt. KMU brauchen nicht nur ein Ja oder Nein, sondern einen Finanzierungspartner, der versteht, wie sich Geschäft in der Praxis bewegt.
Welche Rolle spielen Echtzeitdaten bei Kreditentscheidungen - auch bei Floryn?
Banktransaktionsdaten in nahezu Echtzeit zeigen sehr viel darüber, wie ein Unternehmen tatsächlich arbeitet. Sie machen Zahlungseingänge, Umsatzdynamiken, wiederkehrende Kosten, saisonale Muster und kurzfristige Liquiditätsbewegungen sichtbar. Dadurch entsteht ein deutlich aktuelleres Bild als durch einen Jahresabschluss, der oft schon viele Monate alt ist.
Aus unserer Sicht geht es nicht darum, klassische Informationen vollständig zu ersetzen. Bankdaten können die Kreditprüfung aber ergänzen und beschleunigen. Sie helfen dabei, die tatsächliche Leistungsfähigkeit und finanzielle Tragfähigkeit eines Unternehmens besser zu verstehen. Das ist besonders relevant bei kurzfristigem Kapitalbedarf, bei dem Unternehmen nicht wochenlang auf eine Entscheidung warten können.
Bei Floryn verbinden Unternehmen ihre Bankdaten im Antragsprozess digital über PSD2. So können wir das Unternehmen auf Basis des tatsächlichen Transaktionsverhaltens bewerten und sind nicht ausschließlich auf historische Dokumente angewiesen. Das Ergebnis ist ein Prozess, der für Unternehmer schneller und für den Kreditgeber präziser ist.
Bedeutet eine schnellere Kreditentscheidung automatisch ein höheres Risiko?
Nein, Geschwindigkeit und Risikokontrolle schließen sich nicht aus. Entscheidend ist, auf welcher Grundlage die Entscheidung getroffen wird. Wenn ein Kreditgeber nur oberflächlich prüft, steigt das Risiko natürlich. Wenn die Prüfung aber datenbasiert, strukturiert und kontinuierlich weiterentwickelt wird, kann sie zugleich sehr effizient und verantwortungsvoll sein.
Unser Ansatz besteht darin, digitale Prozesse, Bankdaten und eigene Risikomodelle zu kombinieren. Dadurch können wir schnellere Entscheidungen treffen, ohne bei der Qualität der Prüfung Abstriche zu machen. Gerade im Segment kleinerer Kreditlinien ist Effizienz ein zentraler Faktor. Nur wenn der Prüfprozess skalierbar ist, können Unternehmen kurzfristig unterstützt und gleichzeitig ein stabiles Kreditportfolio aufgebaut werden.
Das haben wir in den Niederlanden über mehrere Jahre hinweg gesehen. Floryn hat mehr als 110.000 Kreditanträge bearbeitet und mehr als 519 Millionen Euro finanziert. Diese Erfahrung hilft uns, unsere Risikomodelle kontinuierlich zu verbessern und besser zu verstehen, welche Unternehmen flexible Finanzierung verantwortungsvoll nutzen können.
Warum ist das Segment zwischen 10.000 und 250.000 Euro besonders relevant?
Weil dies für viele kleine und mittlere Unternehmen genau der Bereich ist, in dem Finanzierung im Tagesgeschäft benötigt wird. Häufig geht es dabei weniger um klassische Großinvestitionen, sondern um flexible Liquidität: den Einkauf von Waren, die Vorfinanzierung von Projekten, das Abfedern saisonaler Schwankungen, Marketingmaßnahmen, Personalaufbau oder kurzfristige Wachstumschancen.
Gleichzeitig ist dieses Segment aus Sicht vieler klassischer Banken herausfordernd. Der Prüfaufwand ist oft ähnlich hoch wie bei größeren Finanzierungen, während das Ertragspotenzial geringer ist. Deshalb konzentrieren sich viele Anbieter lieber auf größere Volumina. Für KMU entsteht dadurch ein Problem: Der Bedarf ist real, aber der Zugang ist zu langsam, zu bürokratisch oder nicht flexibel genug.
Genau auf dieses Segment konzentriert sich Floryn in Deutschland: flexible Kreditlinien von 10.000 bis 250.000 Euro, mit Auszahlungen und Rückzahlungen, die sich am Geschäftsverlauf orientieren können. Für Unternehmer bedeutet das: Finanzierung muss kein einmaliges, starres Produkt sein, sondern kann zu einem flexibleren Liquiditätsinstrument werden.
Wie wird sich die Kreditprüfung für KMU in den kommenden Jahren verändern?
Sie wird aktueller, digitaler und stärker an der tatsächlichen Geschäftsdynamik ausgerichtet sein. Unternehmer erwarten heute in vielen Finanzprozessen Geschwindigkeit und Transparenz. Diese Erwartung wird zunehmend auch für Kreditentscheidungen gelten.
Ich glaube nicht, dass die persönliche Bewertung vollständig verschwinden wird. Gerade im KMU-Segment bleibt Vertrauen wichtig. Aber die Grundlage dieses Vertrauens verändert sich. Statt ausschließlich auf historische Dokumente zu schauen, werden Kreditgeber zunehmend analysieren, wie stabil und widerstandsfähig ein Unternehmen im laufenden Geschäft tatsächlich ist. Aus meiner Sicht liegt die Zukunft der KMU-Finanzierung in der Verbindung von datenbasierter Prüfung und menschlichem Verständnis für unternehmerische Realität.
Seit dem Aufbau von Floryn im niederländischen Markt ab 2016 haben wir gelernt, dass KMU Geschwindigkeit schätzen, aber ebenso direkte Kommunikation und Verlässlichkeit. Technologie sollte Finanzierung nicht anonym machen. Sie sollte unnötige Reibung reduzieren, damit Unternehmer sich auf das konzentrieren können, was wirklich zählt: ihr Geschäft zu führen und weiterzuentwickeln.
Über Floryn
Floryn ist ein technologieorientierter Kreditgeber für kleine und mittlere Unternehmen, gegründet 2016 in den Niederlanden. Das Unternehmen kombiniert digitale Prozesse, Banktransaktionsdaten und menschliche Expertise, um schnelle und flexible Unternehmensfinanzierungen bereitzustellen. Seit der Gründung hat Floryn mehr als 110.000 Kreditanträge bearbeitet und mehr als 519 Millionen Euro für KMU finanziert. Mit dem Start in Deutschland im April 2026 konzentriert sich Floryn auf flexible Kreditlinien zwischen 10.000 und 250.000 Euro.
Enthaltene Werte: DE0009653XXX
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