
© Foto: SpaceX auf Unsplash.
Analystinnen und Analysten überbieten sich aktuell mit immer höheren Kurszielen für die SpaceX-Aktie. Das ist blamabel und könnte viel Vertrauen kosten.
SpaceX-Aktie: Schon zum Börsengang hoffnungslos überbewertet ...
Der Börsengang des von Elon Musk gegründeten Raumfahrtkonzerns SpaceX war nicht nur der bislang größte der modernen Finanzgeschichte, sondern auch einer der kontroversesten. Während prominente Branchenvertreter öffentlichkeitswirksam die Werbetrommel rührten und Broker Anlegerinnen und Anleger zum Zeichnen der Anteile bewegen wollten, warnten Kritikerinnen und Kritiker schon vor dem IPO vor einer völlig haltlosen Unternehmensbewertung.
Selbst nach dem Kursrutsch der vergangenen Wochen, dem auch die Aufnahme in den US-Technologie-Index Nasdaq 100 am Montag nichts entgegensetzen konnte, ist das Unternehmen mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) von 50 bewertet. Das ist schon zum Start in die noch junge Börsengeschichte der Aktie eine Bewertung auf Blasen-Niveau - ganz zu schweigen von Gewinnen, die nach standardisierter Rechnungslegung GAAP noch Jahre entfernt sein könnten.
... doch die Wall Street legt nochmal einen drauf
Trotz dieser fundamental haltlosen und ausschließlich von wagen Zukunftshoffnungen beseelten Bewertung (Einstieg ins Mobilfunkgeschäft, Starship, KI-Rechenzentren im All) ist die Kritik an der Aktie in den vergangenen Wochen weitestgehend verstummt. Stattdessen ist ein neuer Trend zu beobachten, nämlich der immer höherer Kursziele.
Das aktuell höchste Kursziel, verliehen bereits am Dienstag, stammt mit 800 US-Dollar von Raymond James. Das ist umso überraschender, als dass Analyst Brian Gesuale laut dem Ranking-Portal für Wall-Street-Expertinnen und -Experten TipRanks als sehr zuverlässiger Analyst gilt. Er begründet seine Kaufempfehlung für die Aktie damit, dass das Unternehmen nicht bloß als Raketen-Start-up, sondern als Infrastrukturplattform begriffen werden sollte: "Starship repräsentiert die industrielle Innovation unserer Generation", so Gesuale in seiner Studie. Sein Kursziel bewertet SpaceX mit einem KUV von etwa 275 und einem KGV von 833 sollten sich die Gewinnschätzungen von 0,96 US-Dollar pro Aktie für 2027 erfüllen. Das ist absurd.
Namhafte Institute machen sich unglaubwürdig
Gegenüber dem Kursziel von Raymond James sehen die anderer Banken und Research-Häuser fast vernünftig aus. Die Deutsche Bank nannte zuletzt 255 US-Dollar, Morgan Stanley gehört mit 300 US-Dollar ebenfalls zu den größten Optimisten und Fands der Aktie, während sich die Ziele von Instituten wie der Bank of America, JP Morgan und der Citi zwischen 200 und 230 US-Dollar einpendeln. Ausgerechnet die Dauerbullen und Musk-Fans von Wedbush haben mit 190 US-Dollar eines der niedrigeren Kursziele vorgelegt.
Im Mittel aller 31 Analystinnen- und Analystenstimmen wird der faire Wert auf 238,68 US-Dollar veranschlagt, was ein Aufwärtspotenzial von knapp 61 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Mittwoch impliziert. Zu diesem Kurs läge das KUV bei 80 und das KGV (2027) bei rund 250. Das entspricht einer Gewinnrendite von 0,4 Prozent und sollte keinen um sein Geld besorgten Investor zum Kauf der Aktie veranlassen.
Dieser Vertrauensbruch ist nicht zu rechtfertigen
Dass selbst namhafte Banken mit völlig aus der Luft gegriffenen Bewertungsvielfachen und Begründungen auf sich und die Aktie aufmerksam zu machen versuchen, obwohl jede Anlegerin, jeder Anleger mit gesundem Menschenverstand sehen kann, dass die Bewertung vom Start weg fundamental nicht zu rechtfertigen ist, stellt nicht nur eine Peinlichkeit, sondern auch einen Vertrauensbruch dar.
Schließlich sind Aktienempfehlungen nicht die einzigen Produkte und Dienstleistungen gerade von Banken wie Morgan Stanley, JP Morgan (die am IPO beteiligt waren) oder der Citigroup und der Deutschen Bank - sie bieten auch Konten, Geldanlageprodukte, Derivate und Beratungsdienstleistungen an.
Wer aber möchte sich von einer Bank beraten lassen oder dort ein Konto eröffnen, die den Eindruck erweckt, Werbung für eine Aktie zu machen, von der völlig klar ist, dass das Unternehmen kaum jemals in ihre Bewertung wird hineinwachsen können und die spätestens nach dem Ende der Lockup-Periode, zu der Insiderinnen und Insider verkaufen dürfen, stark fallen dürfte.
Am Ende könnte die Rating-Agentur Morningstar das einzige Institut sein, das mit seiner Einschätzung richtig liegt. Die nämlich hat die Aktie am Mittwoch zum Verkauf empfohlen und als "massiv überbewertet" bezeichnet. Das Kursziel: 62,51 US-Dollar und selbst das ist aus einer Sum-of-the-Parts-Bewertung hervorgegangen. Das bereits vorhandene operative Geschäft wird mit etwa 40 US-Dollar je Aktie bewertet. Diese Einschätzung steht in massivem Kontrast zum überbordenden Optimismus anderer Expertinnen und Experten, scheint aber die einzige mit Augenmaß zu sein.
Fazit: Anlegerinnen und Anleger sollten jetzt die Augen offen halten
Eine alte Börsenweisheit lautet: "Wenn es aussieht wie eine Blase und sich anfühlt wie eine Blase, dann ist es wahrscheinlich auch eine Blase". Genau das dürfte gegenwärtig bei SpaceX der Fall sein. Das Analystinnen und Analysten trotzdem massiv die Werbetrommel rühren und auch namhafte Institute so tun, als könnte die massive Überbewertung einfach ignoriert werden, könnte sie zukünftig viel Vertrauen kosten.
Anlegerinnen und Anleger sollten im Zusammenhang mit der Aktie jetzt sehr genau beobachten, welche Bank, welches Research-Hause was für eine Empfehlung ausgesprochen hat und möglicherweise künftig noch aussprechen wird - und sich in der Zukunft gut überlegen, ob das noch ein vertrauenswürdiger Partner für Bank- und Geldgeschäfte ist.
Gastautor: Max Gross
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