DJ MARKT-AUSBLICK/Zurück auf Los - Zins- und KI-Ängste sind wieder da
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Die Angst geht wieder um. Das "Memorandum of Understanding" zwischen dem Iran und den USA sollte treffender "Memorandum of Misunderstanding" heißen. Das gegenseitige Misstrauen beider Länder sitzt tief, es wird wieder gebombt, und im Kern geht es um die Kontrolle der Straße von Hormus. Der Ölpreis tickert wieder nach oben und mit ihm auch die Inflationserwartungen. Das tut den Börsen nicht gut, und hier insbesondere dem zinssensitiven Technologiesektor.
Mit knapp 85 Dollar das Fass notiert Brent zwar noch deutlich unter den kritischen Niveaus. Eine Verschärfung droht aber, sollte der Iran tatsächlich zusätzlich die Straße von Bab al-Mandab schließen. Angeblich soll Teheran die im Jemen sitzenden Huthi-Verbündeten aufgefordert haben, sich auf ein solches Szenario vorzubereiten. Der Iran sieht sich offenbar in der besseren Verhandlungsposition, denn eine neue Ölkrise dürfte US-Präsident Donald Trump mehr schaden als der iranischen Führung.
Die EZB dürfte auf ihrer geldpolitischen Sitzung in der kommenden Woche stillhalten. Die Commerzbank glaubt aber, dass sie im September die Zinsen anheben wird. "Sowohl die sich andeutenden indirekten Effekte über die Weitergabe höherer Energiekosten als auch die höheren Inflationserwartungen haben das Potenzial, aus einer vorübergehend höheren Inflationsrate ein länger anhaltendes Phänomen zu machen. Insofern dürfte aus EZB-Sicht eine weitere Zinserhöhung sinnvoll sein", heißt es zur Begründung.
Empfindlich reagiert hat bereits der zinssensible und extrem hoch bewertete Technologiesektor, und hier insbesondere die von KI-Fantasie getriebenen Halbleiteraktien. Der Philly-Halbleiterindex ist auf ein Achtwochentief gefallen und notiert nun knapp 20 Prozent unter den Höchstständen. "Eine toxische Mischung aus der Angst vor den Folgen eines weiter eskalierenden Iran-Krieges und damit vor steigenden Zinsen holt die Investoren aus den Aktien", heißt es bei CMC.
Deutlich wird das auch an der laufenden Berichtssaison. Ein Erreichen der Marktprognosen, selbst ein leichtes Übertreffen der Schätzungen reicht für Technologieaktien nicht mehr aus. Diese werden zum Teil gnadenlos abverkauft. Ohnehin sind die Erwartungen an das zweite Quartal hoch. Laut der DZ Bank wird für den S&P-500 ein kräftiges Gewinnwachstum von rund 23 Prozent erwartet, maßgeblich getragen von den Sektoren Informationstechnologie und Energie.
Die KI-Giganten sind hochprofitabel und haben durchaus ein Geschäftsmodell. "Was allerdings auch gilt: Die Marktkonzentration auf einige wenige Aktien ist heute ungleich höher als im Jahr 2000. Die zehn größten Unternehmen - fast alle im Bereich Technologie unterwegs - vereinen mehr als 40 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des S&P-500 auf sich", so Moritz Kraemer von der LBBW. Wenn sich hier die hochgesteckten Hoffnungen nicht erfüllen, wäre das Risiko einer Korrektur erheblich.
Der technologiearme DAX weist zwar nur ein geringes KI-Exposure auf. Das ist aber nur ein schwacher Trost. Nicht nur zeigt die Erfahrung, dass Korrekturen in Schlüsselsegmenten für die Börse sich typischerweise auf die Gesamtmärkte ausweiten. Hinzu kommt, dass die stark energieabhängige deutsche Exportwirtschaft besonders sensibel auf steigende Öl- und Gaspreise reagiert. Und damit auch der DAX.
Nach einer Entspannung im Nahen Osten sieht es derzeit nicht aus. Der Iran sieht sich in der besseren Verhandlungsposition. Trump brauchte niedrigere Energiepreise angesichts der nahenden US-Zwischenwahlen. Teheran hofft daher auf zusätzliche Zugeständnisse. Dabei geht es nicht nur um die Lockerung von Sanktionen, sondern auch um glaubwürdige Sicherheitsgarantien. Denn was würde die USA daran hindern, nach den Wahlen den Krieg wieder aufzunehmen? Die Lage an den Börsen bleibt schwierig.
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