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Warum verkaufen Länder plötzlich ihre Goldreserven? Der Iran-Krieg, die Straße von Hormus und der Ölschock setzen Schwellenländer unter Druck - mit Folgen für den Goldmarkt.
Seit dem Frühjahr 2026 vollzieht sich an den Goldmärkten etwas Ungewöhnliches, denn Länder, die jahrelang zu den größten Goldkäufern der Welt zählten, verkaufen plötzlich ihre Goldreserven. Der Verkauf vollzieht sich in aller Stille. Er wird nicht öffentlich angekündigt und die Transaktionen tauchen erst mit einer Verzögerung von Wochen oder Monaten in den Datenmeldungen der Notenbanken auf.
Wer genau hinschaut, erkennt schnell, dass es sich bei den Goldverkäufen nicht um normales Portfoliomanagement handelt, sondern sich halb verdeckt vor unseren Augen etwas Spezielles und Außergewöhnliches vollzieht. Was wir sehen, ist nichts anderes als eine stille Notfallreaktion mit der auf einen ökonomischen Schock reagiert wird, der das globale Finanzsystem derzeit massiv unter Druck setzt: die Schließung der Straße von Hormus im Zuge des Iran-Kriegs.
Die Logik dahinter ist klar, sobald man den Mechanismus versteht, der hinter den Transaktionen steht. Rund 20 Prozent des weltweiten Öls passiert die Straße von Hormus. Wird diese Route blockiert, steigen die Ölpreise und alle ölimportierenden Länder brauchen zur Bezahlung ihrer Energierechnungen mehr US-Dollar.
Der schnellste Weg für eine Zentralbank, um an die benötigten zusätzlichen Dollar zu kommen, ist der Verkauf ihrer liquidesten dollarbasierten Anlagen. Das sind in der Regel US-Staatsanleihen. Wenn diese Anleihen allerdings vollständig verkauft sind und immer noch Bedarf an weiteren US-Dollar besteht, bleibt als einzige dollarbasierte Reserve in vielen Ländern nur noch das Gold übrig.
Der Fall der Türkei zeigt das ganze Drama
Kein Land illustriert diesen Prozess so deutlich wie die Türkei. Im März 2026 reduzierte die türkische Zentralbank als Folge des Ende Februar gestarteten Angriffs der USA und Israels auf den Iran ihre Bestände an US-Staatsanleihen von 15,7 Milliarden Dollar auf 1,8 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Abbau von knapp 90 Prozent in einem einzigen Monat.
Als dieser Puffer erschöpft war, griff die türkische Zentralbank auf ihr Gold zurück. Allein in den ersten zwei Wochen des Iran-Kriegs verkaufte oder verpfändete die sie rund 58 Tonnen Gold im Wert von etwa acht Milliarden Dollar aus ihren Reserven von rund 130 Milliarden Dollar. Dieser Vorgang war keine strategische Abkehr vom Gold, sondern vielmehr ein Zeichen der Verzweiflung. Denn kein Land der Welt verkauft sein Gold, um dafür Benzin und Diesel einzutauschen, solange es noch bessere Optionen hat.
Die Türkei ist an dieser Stelle kein Einzelfall. Sie ist nur das sichtbarste Beispiel einer breiteren Gruppe von Ländern, die Jay Martin, der Herausgeber des Rohstoff-Newsletters Capital 10X, als "ölimportierende Schwellenländer" bezeichnet: Indien, Indonesien, Thailand, die Philippinen, Ägypten, Pakistan, Vietnam und Südafrika. Sie alle teilen zwei Eigenschaften: Sie müssen ihr Öl vollständig importieren, und sie halten ihre nationalen Ersparnisse überwiegend in US-Staatsanleihen. Steigt der Ölpreis, geraten diese Länder zuerst in Schwierigkeiten.
Das Sri-Lanka-Muster: Wenn der Geldmangel zu leeren Regalen führt
Was passiert, wenn ein Land seine Reserven vollständig aufgebraucht hat, zeigt das Beispiel Sri Lanka im Jahr 2022. Das Land importiert nahezu alles, was es zum Betrieb seiner Wirtschaft benötigt - Treibstoff, Medikamente, Nahrungsmittel - und es bezahlt dafür in US-Dollar. Als der Tourismus durch die Corona-Pandemie einbrach, schmolzen die Devisenreserven von 7,6 Milliarden Dollar Ende 2019 bis zum Frühjahr 2022 auf nur noch rund 50 Millionen Dollar ab.
Das Ergebnis war ebenso vorhersehbar wie dramatisch: Kraftstoff wurde zunächst knapp und war am Ende gar nicht mehr zu beziehen, Medikamente konnten im Ausland nicht mehr gekauft werden, die Lebensmittelpreise explodierten und der Strom fiel im ganzen Land immer wieder stundenlang aus. Der Zorn der Bevölkerung ließ nicht lange auf sich warten und im Juli 2022 floh der Präsident aus dem Land, nachdem Hunderttausende seinen Amtssitz gestürmt hatten.
Der Unterschied zur aktuellen Situation ist folgender: Der Sri-Lanka-Schock war ein Tourismus-Ausfall, der nur wenige Länder betraf. Ein globaler Energieschock hingegen trifft alle gleichzeitig. Die Kaskadenlogik jedoch ist dieselbe: Jedes Land, das Anleihen verkauft, drückt deren Preis, was das nächste Land nervös macht und ebenfalls zum Verkauf veranlasst. Jeder Verkauf macht den nächsten wahrscheinlicher.
Was Washington wirklich tut - und was das verrät
Zwei stille Maßnahmen der US-Regierung zeigen, wie ernst die Lage eingeschätzt wird. Erstens: Die USA zapfen ihre Strategische Erdölreserve im Rekordtempo an. Wer glaubt, dass dies primär den US-Autofahrern zugute kommt und mit Blick auf die im November anstehenden Kongresswahlen erfolgt, liegt zwar nicht falsch, greift aber dennoch zu kurz, denn die USA schicken einen Teil ihrer Reserven ins Ausland. Das ist ungewöhnlich, denn die Strategische Erdölreserve ist für nationale Notfälle gedacht.
Um den plötzlich auftretenden Druck auf die US-Staatsanleihen zu reduzieren, hat das US-Finanzministerium als zweiten Schritt die Sanktionen auf russisches Öl zweimal still gelockert. Dies geschieht mitten in einem Krieg, in dem Russland auf der anderen Seite steht. Auch dieser Schritt ist mehr als ungewöhnlich und zeigt, dass auch die USA unter Druck stehen.
Der Grund für beide Maßnahmen ist derselbe: Die USA wollen verhindern, dass exponierte Schwellenländer kollabieren und damit eine Kettenreaktion von Anleiheverkaufen auslösen, die den US-Rentenmarkt gefährdet. Fallende Kurse für US-Bonds bedeuten eine niedrigere Nachfrage seitens der Investoren und höhere Zinsen für die Schuldner. Beides kann US-Präsident Donald Trump gerade nicht gebrauchen, denn er wünscht sich niedrigere Zinsen.
Wäre das System wirklich stabil, wären diese Maßnahmen nicht erforderlich und könnten unterbleiben. Damit wird deutlich, dass nicht nur einzelne Schwellenländer aktuell unter Druck stehen. Auch die USA sehen sich genötigt, einzugreifen und die Märkte zu stabilisieren.
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