DJ Helaba: Komplexität und bewusste Verzögerungen bremsen deutsche Produktion
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Der Auftragseingang der deutschen Industrie steigt seit einiger Zeit kräftig, aber die Unternehmen arbeiten diese Aufträge nur langsam ab, was sich in einer schwachen Produktion zeigt. Nach Aussage von Helaba-Volkswirt Adrian Keppler hat das vor allem zwei Ursachen: Die herzustellenden Erzeugnisse werden immer komplexer, und die Unternehmen arbeiten die Aufträge nur langsam ab, um angesichts der hohen Unsicherheit Zeit bei Investitionsentscheidungen zu gewinnen.
Keppler zufolge ist der Auftragseingang seit August 2025 um 9,7 Prozent gestiegen und liegt im bisherigen Jahresverlauf um 3,6 Prozent über Vorjahresniveau. Dagegen liege die Industrieproduktion nahe ihres Mehrjahrestiefs und um 15 Prozent unter dem 2018 erreichten Höchststand. "Ein gewisser Zeitverzug zwischen beiden Größen ist normal, da die Auftragseingänge der Produktion vorauslaufen. In den vergangenen Jahren hat sich dieser Zusammenhang jedoch spürbar abgeschwächt", konstatiert der Ökonom. Er analysiert die beiden oben genannten Punkte wie folgt:
1. Längere Produktionszeiten aufgrund eines geänderten Produktmix'
Wegen steigender Produktivität und steigender Löhne werden einfachere Produktionsschritte ins Ausland verlagert, während im Inland die komplexere, hochwertigere und wissensintensivere Fertigung verbleibt. "Entsprechende Produkte sind häufig mit längeren Entwicklungs-, Produktions- und Lieferzeiten verbunden. Darauf deutet auch die Entwicklung des Umsatzanteils von Investitionsgütern im Verarbeitenden Gewerbe hin", erläutert Keppler. Die starken Kostensteigerungen 2022/2023 könnten diesen Strukturwandel zusätzlich beschleunigt haben. In diese Richtung deuteten auch die gestiegenen Auftragsreichweiten.
2. Bewusste Produktionsverzögerung durch die Unternehmen
Die Auftragsbestände haben zuletzt ein Rekordniveau erreicht, was nach Aussage des Ökonomen Ausdruck eines bewussten Anpassungsprozesses sein könnte. Die Unternehmen könnten zunächst abwarten, ob sich die verbesserte Nachfragesituation als nachhaltig erweist. "Indem Unternehmen zusätzliche Aufträge zunächst in ihren Auftragsbüchern ansammeln, gewinnen sie Zeit, wodurch sich Produktions- und Kapazitätsentscheidungen aufschieben lassen, bis mehr Klarheit über die weitere Nachfrageentwicklung besteht", argumentiert Keppler. Dafür spreche auch der seit 2024 zu beobachtende Abbau der Fertigwarenlager.
Keppler glaubt jedoch, dass sich die Diskrepanz zwischen Aufträgen und Produktion früher oder später auflösen wird: "Sollte sich der Anstieg der Auftragseingänge ... als nachhaltig erweisen, dürfte sich die Lücke zwischen Auftragseingängen und Produktion auf Dauer kaum aufrechterhalten lassen. Dann wird die Produktion früher oder später nachziehen." Wahrscheinlich werde das noch im laufenden Jahr passieren - sofern geopolitische Risiken, etwa eine neue Eskalation des Iran-Kriegs, die globale Konjunktur nicht erheblich belasteten.
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July 22, 2026 03:08 ET (07:08 GMT)
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