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Prof. Dr. Jan Viebig (Oddo BHF): Energiekrise in Europa

18.10.2021 - Im Verlauf dieses Jahres hat sich am Markt für Erdgas ein Sturm zusammengebraut. Deutlich sichtbar ist dies in der Entwicklung der Erdgaspreise sowie, eng verbunden, der Preise für Kohle und für Strom.

In Europa ebenso wie in Asien haben die Erdgaspreise in diesen Wochen neue Allzeithochs markiert. Der Terminkontrakt auf Erdgas, der als Referenzwert für den kontinentaleuropäischen Markt fungieren kann, zeigt einen Preisanstieg von gut 13 Euro pro MWh im Oktober 2020 auf aktuell etwa 91 Euro/MWh, hat sich also versiebenfacht. Sehr ähnlich stellt sich die Situation in Großbritannien dar. Auch das Preisniveau in den USA hat kräftig angezogen, allerdings erscheint die Verdopplung der Preise nach hiesigen Maßstäben harmlos. In Fernost dagegen, wo vor allem verflüssigtes Erdgas (LNG, Liquefied Natural Gas) genutzt wird, ist die Lage ebenfalls sehr angespannt: LNG ist derzeit gut siebenmal teurer als vor einem Jahr.

Die Preise für Erdgas und Kohle schaukeln sich gegenseitig hoch. Da die hohen Erdgaspreise weltweit zu einer verstärkten, wenn auch klimapolitisch bedenklichen Nutzung von Kohle für die Stromerzeugung beitragen, ist auch dort eine starke Verteuerung festzustellen. Der Preis für Kohle, die vor allem in China, aber auch in Teilen Europas und in den USA zur Stromerzeugung genutzt wird, hat sich über die letzten zwölf Monate weit mehr als verdreifacht.

In Europa schlagen sich die erhöhten Emissionen zudem in den Preisen der CO2-Zertifikate nieder, was die Stromkosten in Europa noch zusätzlich verteuert. Entsprechend ist der Strompreis auf der Großhandelsebene (European Energy Exchange, EEX) - beispielsweise in Deutschland - rund viermal so hoch wie im Oktober 2020. Je nach Liefertermin kann die Entwicklung unterschiedlich ausfallen.

In den Medien scheinen die Ursachen oft schnell ausgemacht: Für die einen ist es die "grüne" Energiepolitik, die verantwortlich ist, für die anderen sind es die Machtspiele des Kremls. Tatsächlich ist die Situation aber komplizierter. Es ist ein Zusammentreffen vielfältiger Risikofaktoren, die die aktuelle Zuspitzung verursacht hat.

Der erwünschte Übergang zu sauberer Energie hat insofern damit zu tun, dass Gas als Übergangslösung zu regenerativen Energiequellen gesehen und gerade in Europa verstärkt nachgefragt wird. Gleichzeitig nimmt die Ergiebigkeit der heimischen Erdgasfelder ab, vor allem in der Nordsee (Norwegen, Großbritannien, Niederlande). Zudem investiert die Industrie angesichts des geplanten Rückzugs aus fossilen Brennstoffen und gebeutelt von zwei schweren Rohstoffpreiseinbrüchen innerhalb von nicht einmal zehn Jahren deutlich weniger Geld in die Erschließung neuer Felder.

Zwar wurde die Produktion an verflüssigtem Erdgas über die vergangenen Jahre erheblich ausgebaut (wichtigste Lieferanten sind Katar und die USA), so dass die Importmöglichkeiten erweitert wurden. Da aber auch Asien - vor allem China - aufgrund der hohen Umweltbelastung den Kohleverbrauch vermindern will, konkurriert der Ferne Osten verstärkt um das verfügbare LNG. Presseberichten zufolge schließt China jedes Jahr rund 15 Millionen Haushalte in den Küstenstädten neu an das Gasnetz an.

Zu den strukturellen Faktoren kommen eine Reihe exogener Ereignisse, die die Preisentwicklung angetrieben haben. Dazu zählen zahlreiche Produktionsausfälle aufgrund technischer Probleme und aufgrund von Bränden, die Verschiebung von Wartungsarbeiten infolge der Pandemie (Lockdown) und infolge von Wettereinflüssen (Frostperiode in Texas, Hurrikan Ida). Das Wetter hat ohnehin nicht mitgespielt: Die letzte Heizperiode auf der Nordhalbkugel war lang und kalt, so dass die Erdgas-Lager sehr weit geleert wurden; dann wiederum blieb es in Südamerika außerordentlich trocken, was die Stromerzeugung aus Wasserkraft vermindert hat. Und in Europa schließlich war die Stromerzeugung aus Windkraft in den zurückliegenden Monaten ungewöhnlich niedrig.

Der Verbrauch von Erdgas ist von beträchtlichen saisonalen Schwankungen geprägt, denn die Heizperiode auf der Nordhalbkugel lässt den Bedarf sehr stark anschwellen. Normalerweise werden deshalb über den Sommer die unterirdischen Lager gefüllt. Die Versorgung wird dann durch die Lieferungen der "Swing- Supplier", also flexiblen Anbietern (beispielsweise durch LNG), ergänzt. Die oben genannten Faktoren haben allerdings dazu beigetragen, dass die Lagerbestände zu Beginn des Winterhalbjahres weit unterdurchschnittlich waren.

Hier kommt auch Russland ins Spiel, denn das russische Erdgas (Gazprom) ist ein Basisbaustein der europäischen Versorgung. Russland hat die vertraglich zugesicherten Mengen geliefert - aber auch nicht mehr. Gazprom hat darauf verwiesen, dass zunächst die inländischen russischen Lager gefüllt sein müssten, bevor zusätzliche Lieferungen möglich seien. Zudem läuft eine wichtige Pipeline durch die Ukraine, und vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung um die Besetzung der Krimhalbinsel 2014 weigert sich Russland, zusätzliches Erdgas durch die Ukraine zu führen. Und schließlich profitiert Gazprom natürlich von der aktuellen Preisentwicklung, denn die Preise der russischen Lieferungen, die früher meist an den Rohölpreis gekoppelt waren, orientieren sich vermehrt an den originären Marktverhältnissen.

Nicht auszuschließen ist allerdings, dass Russland die Gunst der Stunde nutzen will, die Inbetriebnahme der Nord Stream 2-Pipeline durchzudrücken. Nord Stream 2 ist fertiggestellt und der erste Strang vor einigen Tagen erstmals mit Gas befüllt worden. Nach Experteneinschätzungen könnte die Ostseepipeline noch im Oktober Gas befördern. Für die Inbetriebnahme ist allerdings die Zertifizierung durch die Bundesnetzagentur erforderlich. Wenn diese die Starterlaubnis gäbe, könnte dennoch die EU-Kommission das Projekt blockieren. Denn die Anlage entspricht nicht den Erfordernissen des europäischen Energierechts, insbesondere der Forderung nach Entflechtung von Produktion und Infrastruktur (sog. Unbundling) und nach einer Möglichkeit der Einspeisung von Gas durch Dritte. Nord Stream 2 ist für Russland insofern wichtig, als die Ostseepipeline den Gastransport durch die Ukraine "verzichtbarer" macht. Damit könnte Russland zusätzlichen Druck auf die Ukraine ausüben, wenn der bestehende Transitvertrag im Jahr 2024 ausläuft.

Inwieweit Russland aufgrund des Eigenbedarfs nicht liefern kann oder aus politischem Erwägen nicht will, lässt sich nicht endgültig entscheiden. So oder so wird klar, dass die Europäer ihre Abhängigkeit von Energieimporten vermindern und die Nutzung alternativer Energiequellen vorantreiben müssen. Kurzfristig löst das die Versorgungsprobleme allerdings nicht. Letztlich bleibt wohl vor allem das Hoffen darauf, dass der Winter mild ausfallen und der Wind beständig wehen möge. Falls nicht, dürften die Preise hoch bleiben. Selbst Ausfälle bei der Gas- und Stromversorgung in Europa lassen sich nicht völlig ausschließen.

Die aktuellen Preisspitzen konzentrieren sich derzeit auf die Gas- und Stromlieferungen in den Wintermonaten. Die Terminmärkte legen nahe, dass die Preise für Strom und Gas zum Frühjahr hin deutlich nachgeben könnten. Nichtsdestotrotz ist auch für die Verbraucher in Europa mit signifikanten Preiserhöhungen zu rechnen. Eine Idee gibt die Entwicklung in Spanien, wo die Preisentwicklung auf der Verbraucherstufe den Großhandelspreisen enger folgt. Im deutschen Warenkorb kommen Erdgas und Strom zusammen auf ein Gewicht von gut 5 Prozent (Heizöl und Kraftstoffe machen nochmals knapp 5 Prozent aus). Die aktuelle Entwicklung der Energiepreise macht es unwahrscheinlich, dass die Inflationsraten im nächsten Jahr im erwarteten Ausmaß zurückkommen. Hinzu kommt, dass hohe Energierechnungen zulasten der Nachfrage nach anderen Waren und Dienstleistungen gehen und damit das Wachstum dämpfen könnten. Die Geldpolitik würde damit vor eine große Herausforderung gestellt.


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