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Dr. Andreas Busch (BANTLEON): Finanzmarktstabilität rückt in Fokus der Geldpolitik

03.10.2022 - Die Bank of England sorgte in der vergangenen Woche für einen Paukenschlag. Anstatt auf die inflationstreibenden Steuersenkungspläne der neuen Regierung unter Liz Truss mit einer Straffung der Geldpolitik zu reagieren - wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre -, beschloss sie plötzlich genau das Gegenteil und überraschte mit unlimitierten Anleihenkäufen.

Relativ schnell wurde klar, dass die Notenbank damit jedoch kein neues QE-Programm lancieren wollte. Vielmehr sah sie sich zu der auf den ersten Blick widersprüchlichen Massnahme gezwungen, um die Stabilität der Finanzmärkte zu gewährleisten. Diese war in Gefahr gekommen, nachdem der massive Zinsanstieg im Nachgang des von Truss angekündigten Fiskalpakets ernsthafte Liquiditätsprobleme bei den umfangreich gehebelten Pensionsfonds hervorgerufen hatte. Die daraufhin von diesen lancierten Notverkäufe hochliquider Staatsanleihen setzten einen Teufelskreis in Gang, den letztlich nur die Notenbank mit ihren Anleihenkäufen durchbrechen konnte.

Interessanterweise hatte vor genau solch problematischen Entwicklungen der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) erst vor gut einer Woche bei einer seiner regulären Sitzungen gewarnt. Dieses bislang wenig beachtete Gremium war im Nachgang der Finanzkrise 2009 geschaffen worden und sah sich nun zum ersten Mal in seinem 12-jährigen Bestehen genötigt, eine Warnung vor gravierenden Risiken für die Finanzmarktstabilität auszusprechen. Neben den plötzlich auftretenden Liquiditätsengpässen infolge einbrechender Vermögenswerte - wie im aktuellen Fall in Grossbritannien - wies es auf ein ganzes Bündel weiterer Gefahren hin. Demnach erwarten die Aufseher unter anderem, dass private Haushalte und Unternehmen wegen der stark gestiegenen Zinsen und des sich anbahnenden konjunkturellen Abschwungs vermehrt in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Dabei sei der Immobiliensektor besonders betroffen, ebenso wie die Finanzinstitute allgemein, die sich oftmals noch nicht von den Belastungen durch die Corona-Pandemie erholt haben.

Hinter diesen drohenden und sich zum Teil bereits materialisierenden Risiken steht letztlich der Kurswechsel der Geldpolitik. Schliesslich wollen die Notenbanken zur Eindämmung der Inflation die Nachfrage von Unternehmen und privaten Haushalten merklich bremsen. Eine Verknappung der Kreditvergabe, sinkende Vermögenspreise und auch eine rückläufige Liquidität müssen in diesem Umfeld in Kauf genommen werden bzw. sind sogar gewollt.

Mit Blick auf die unter Druck gekommenen britischen Pensionsfonds bestehen zwar gute Chancen, dass das Eingreifen der Bank of England eine Eskalation verhindert hat. Generelle Entwarnung kann deshalb jedoch nicht gegeben werden. Denn aus gesamtwirtschaftlicher Sicht spricht in unseren Augen vieles dafür, dass die jüngsten Ereignisse nur ein Vorbote für ähnliche oder noch grössere Problemfälle an anderen Stellen des internationalen Finanzsystems sind. Die Risiken dafür sind aktuell besonders hoch, weil sich die Wirtschaft gegenwärtig einem so abrupten Kurswechsel der Geldpolitik gegenübersieht wie nie zuvor. Nach unserer Einschätzung ist das ein weiterer Grund dafür, dass die Währungshüter beim Drehen an der Zinsschraube Vorsicht walten lassen sollten. Alles in allem rechnen wir aufgrund der gestiegenen Risiken für die Finanzstabilität im Verbund mit der sich abzeichnenden Rezession in den USA sowie in Europa damit, dass die Notenbanken den Leitzinserhöhungszyklus zum Jahresende auslaufen lassen.

© 2022 Asset Standard
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