11.10.2022 -
Was für ein Monat!Die Inflation erreichte neue Rekordwerte, und in Deutschland war sie zum ersten Mal seit fast 40 Jahren wieder zweistellig. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschleunigte die geldpolitische Straffung und erhöhte die Zinsen erstmals um 75 Basispunkte. Die globalen Wachstumsprognosen wurden erneut nach unten korrigiert. Die OECD rechnet für 2023 nun mit einer weiteren Verlangsamung und erwartet, dass die Jahresrate nicht die Marke von 2,2 Prozent übersteigen wird. Sogar die äußerst widerstandsfähige US-Volkswirtschaft verzeichnete den größten Rückgang der Immobilienpreise seit mehr als zehn Jahren.
Dies belastete die Märkte, und die Kurse fielen unabhängig von der Qualität der Vermögenswerte weiter. Keine Anlagen blieben verschont: von den als am sichersten geltenden Anlagen - bei denen kein oder nur ein geringes Ausfallrisiko besteht - wie zehnjährige deutschen Bundesanleihen, die im Monatsverlauf um 7 Prozent nachgaben, bis hin zu volatileren Kapitalanlagen (der Nasdaq ging im letzten Monat an mehreren Handelstagen zurück). Es war das seltene Phänomen zu beobachten, dass die Kurse von Aktien und Anleihen gleichzeitig fielen.
Derart umfangreiche Verkäufe der Anleger gefährden die Stabilität der Märkte. Der durch die Straffung der finanziellen Bedingungen bedingte Rückgang der Liquidität, die gemessen an bestimmten Kennzahlen genauso niedrig ist wie im März 2020, schürt Sorgen vor Marktverwerfungen. Dies gilt insbesondere für die Marktsegmente, in denen die Kursbewegungen am heftigsten waren.
Großbritannien: ein aufschlussreiches BeispielVor und insbesondere nach der Vorstellung des Rekordhaushalts der Regierung der neuen britischen Premierministerin Liz Truss stiegen die Renditen britischer Staatsanleihen innerhalb weniger Tage um 1,5 Prozent. Dieser Anstieg gefährdete die Finanzstabilität und die Fähigkeit von Pensionsfonds, ihren Verpflichtungen nachzukommen.
Jedes Mal, wenn es an den Märkten zu einem "Value-at-Risk"-Schock kommt - am Markt also der maximale Verlust eintritt, der in einem bestimmten Zeitraum zu erwarten ist -, handeln die Zentralbanker, um einen Liquiditätskollaps um jeden Preis zu vermeiden. Dies tat auch der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, indem er ankündigte, innerhalb von zwei Wochen ausstehende langfristige Anleihen im Wert von bis zu 65 Milliarden Pfund zu kaufen. Dies entspricht dem Volumen an Anleihen, das im gesamten nächsten Jahr verkauft werden sollte.
Die Zentralbanken erinnern die Anleger daran, dass sie ihre Politik sehr schnell ändern könnenIm aktuellen Umfeld steigender Zinsen sind schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme kaum eine Option. Denn weder die Anleger noch die Zentralbanker sind angesichts der hohen Inflation bereit oder in der Lage, als Geldgeber zu fungieren.
Wahrscheinlich wird es irgendwann Stützungsmaßnahmen geben. Deren Kosten werden jedoch umso höher ausfallen, je später sie umgesetzt werden. Mit anderen Worten: Bis die Zentralbanken ihre Meinung ändern, werden die Aktienmärkte wahrscheinlich auf noch niedrigere Niveaus fallen. Erst dann wird sich der Abwärtstrend, der die letzten neun Monate prägte, aller Voraussicht nach umkehren.
Die Stimmung der Anleger und die Positionierung an den Märkten sind äußerst negativ. Es herrscht ein allgemeiner Abwärtstrend. Während die Finanzmärkte in der Vergangenheit ihren Tiefpunkt erreichten, wenn die Zentralbanken kapitulierten, wird dies derzeit als höchst unwahrscheinlich angesehen. Die Risse, die hier und da auftreten, bedeuten jedoch, dass wirklich aktive Portfoliomanager zunehmend bereit sein dürften, ihr Kapital zu investieren.
