DÜSSELDORF (dpa-AFX) - Der Verpackungsspezialist Gerresheimer hat weiter mit Fehlern in der Bilanzierung vergangener Geschäftsjahre zu kämpfen. Die ursprünglich für den 26. Februar geplante Veröffentlichung des Jahres- und des Konzernabschlusses 2025 wird deshalb verschoben, wie das im SDax gelistete Unternehmen am späten Dienstagabend in Düsseldorf mitteilte. An der Börse kam das gar nicht gut an. Für die Aktie ging es am Mittwoch kräftig um über ein Viertel nach unten. Die Aktie notierte damit erstmals seit den Zeiten der Finanzkrise 2009 wieder unter 20 Euro.
Mit dem massiven Aktienkurseinbruch endet auch der im November gestartete Bodenbildungsversuch der Papiere. Denn der Kurs war 2025 massiv eingebrochen: Im Februar hatten Anleger noch rund 80 Euro je Papiere gezahlt, auch wegen Übernahmefantasie, die aber rasch wieder entwich. Im Juli erklärte der Konzern die Gespräche mit Finanzinvestoren über ein mögliches Übernahmeangebot für beendet. Hinzu kam eine träge Geschäftsentwicklung, das Unternehmen musste bei den Geschäftszielen zurückrudern.
Der Weg von Gerresheimer führe von "schlecht über schlimmer zu noch schlimmer", schrieb JPMorgan-Experte David Adlington nun in einer ersten Reaktion auf die Verschiebung der Bilanzvorlage. Angesichts der sehr hohen Unsicherheit sowohl bei den vergangenen Geschäftszahlen als auch bei den Prognosen und der Entwicklung der Verschuldung sieht der Analyst die Aktie unter erheblichen Druck.
Gerresheimer habe aufgrund interner Hinweise in Abstimmung mit dem Abschlussprüfer weitere Untersuchungen durch eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zur Erfassung von Umsatzerlösen und Bilanzierung in den Geschäftsjahren 2024 und 2025 beauftragt, teilte das Unternehmen mit.
Nach bisherigen Erkenntnissen hätten einzelne Mitarbeitende gegen interne Richtlinien und Bilanzierungsvorschriften verstoßen. Die daraus resultierenden Korrekturen im Konzernabschluss betreffen demnach im Wesentlichen die Erfassung von Umsatzerlösen und die Bilanzierung und Bewertung von Vorräten. Der Konzern prüfe weiter Ursachen und Verantwortlichkeiten und habe bereits erste personelle und organisatorische Konsequenzen gezogen.
Im Geschäftsjahr 2024 dürfte der Umsatz nun um 35 Millionen Euro zu hoch ausgewiesen worden sein. Davon sind 17 Millionen Euro jetzt bekanntgeworden. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) ist wohl tatsächlich 24 Millionen Euro niedriger. Zum Vergleich: Laut ursprünglichen Angaben hatte das Unternehmen in dem Jahr Erlöse von gut zwei Milliarden Euro sowie ein operatives Ergebnis von knapp 420 Millionen Euro erzielt.
Änderungsbedarf gibt es auch beim Geschäftsjahr 2025. Der Umsatzrückgang dürfte am oberen Ende der Prognosespanne von minus vier bis minus zwei Prozent oder geringfügig besser ausfallen, hieß es in der Mitteilung weiter. Die um Sondereffekte bereinigte Marge auf Basis des operativen Gewinns (Ebitda) erwartet Gerresheimer jetzt bei 16,5 bis 17,5 Prozent, nach 18,5 bis 19,0 Prozent zuvor.
Das bereinigte Ergebnis je Aktie (EPS) wird voraussichtlich im hohen zweistelligen Prozentbereich zurückgehen - auch ein Verlust sei möglich. Zuvor hatte der Konzern einen Rückgang im mittleren zweistelligen Prozentbereich erwartet.
Zudem rechnet das Unternehmen 2025 mit Wertminderungen in Höhe von 220 bis 240 Millionen Euro. Geld fließt dafür nicht ab. Ursache sind vor allem Entwicklungen bei Sensile Medical in der Schweiz und Gerresheimer Moulded Glass Chicago in den USA.
Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen will Gerresheimer seine hundertprozentige US-Tochter Centor noch in diesem Jahr verkaufen. Beim Moulded-Glass-Geschäft tritt das Unternehmen hingegen nun auf die Bremse. Der Verkaufsprozess werde nicht mehr in diesem Jahr gestartet, hieß es. Dieser soll zu einem späteren Zeitpunkt eingeleitet werden. Ein Werk in Chicago will Gerresheimer jedoch bis Ende dieses Jahres schließen.
Für das soeben angelaufene Geschäftsjahr 2026 rechnet Gerresheimer trotz eines voraussichtlich schwächeren ersten Halbjahres mit wieder anziehendem Geschäft und einer höheren Marge. Der Konzern sieht für den Pharma- und Kosmetikmarkt im laufenden Jahr ein stabiles bis leicht wachsendes Marktumfeld.
Der Umsatz soll ohne Berücksichtigung von Zu- und Abgängen 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro betragen; die bereinigte operative Marge (Ebitda) 18 bis 19 Prozent. Zudem soll es einen moderat positiven Zahlungsmittelzufluss geben. Die von Bloomberg befragten Experten haben im Schnitt einen Umsatz von knapp 2,4 Milliarden Euro sowie eine operative Marge von 19,2 Prozent auf dem Zettel.
Im September vergangenen Jahres hatte die deutsche Finanzaufsicht Bafin eine Prüfung des Konzernabschlusses 2023/24 (Ende November) und des Lageberichts eingeleitet. Dabei ging es um sogenannte "Bill-and-Hold"-Vereinbarungen. Die Bafin sah bei Gerresheimer bei einigen Verträgen konkrete Anhaltspunkte, dass der jeweilige Umsatz schon im Geschäftsjahr 2024 erfasst worden sei, obwohl die Verfügungsgewalt nicht an den Kunden übergegangen sei. Dadurch könnte der Umsatz im Konzernabschluss 2024 zu hoch gewesen sein, argwöhnte die Bafin. Das Unternehmen teilte Ende Oktober mit, dass eine Untersuchung einer von ihm beauftragten Kanzlei tatsächlich Kritikpunkte gefunden habe.
Gerresheimer hatte daraufhin seine Bilanzierungspraxis geändert. Im Konzernabschluss 2025 würden keine Umsätze aus neuen Bill-and-Hold-Vereinbarungen berücksichtigt und auch zukünftig werde auf diese Praxis verzichtet, hieß es in einer im Dezember veröffentlichten Mitteilung. Zudem kündigte Gerresheimer die Korrektur aller derartigen verbuchten Umsätze im Konzernabschluss 2024 an.
Nach mehreren Gewinnwarnungen, der Aktienkurs-Talfahrt und dem Bafin-Verfahren verließ der langjährige Vorstandschef Dietmar Siemssen das Unternehmen Ende Oktober; bereits zuvor war Finanzchef Bernd Metzner gegangen. Auf ihn folgte Wolf Lehmann; und seit November führt Uwe Röhrhoff interimsweise die Geschäfte, der bereits von 2010 bis 2017 Gerresheimer-Chef war./he/zb/err/men




