LEVERKUSEN (dpa-AFX) - Bayer versucht in den USA mit einem milliardenschweren Vergleich das Thema Glyphosat-Klagen weitgehend vom Tisch zu bekommen. Die Streitigkeiten rund um angebliche Krebsrisiken glyphosathaltiger Unkrautvernichter haben schon Milliarden verschlungen, die Dividende wurde zusammengestrichen. Ein Gericht in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri muss dem nun angestrebten Sammelvergleich noch zustimmen. Bereits Anfang des Jahrzehnts hatte der Pharma- und Agrarchemiekonzern eine umfassende Lösung angestrebt, die ein Richter aber abgelehnt hatte. Der aktuelle Vorschlag ist allerdings anders aufgebaut. An der Börse ebbte die anfängliche Euphorie am Mittwochvormittag ab.
"Die Vergleichsvereinbarung schafft zusammen mit dem Fall beim Supreme Court einen klaren Weg aus den Unsicherheiten durch die Rechtsstreitigkeiten", sagte der Bayer-Vorstandsvorsitzende Bill Anderson laut Mitteilung vom Dienstagnachmittag.
So kann sich das Unternehmen seit einigen Wochen auch Hoffnung auf ein positives Grundsatzurteil des obersten US-Gerichtes machen, nachdem der US Supreme Court zugestimmt hatte, den Fall "Durnell" zur Prüfung anzunehmen. Dieser ist denn auch vom Vergleich ausgenommen. Die Richter müssen entscheiden, ob Bundesrecht zu Warnhinweisen beim Verkauf der Unkrautvernichter - wie Bayer argumentiert - über dem Recht von Bundesstaaten steht. Als ein Kernpunkt bleibe aber trotz der aktuellen Vergleichsankündigung die Frage, was passiert, wenn der Supreme Court nicht zugunsten von Bayer entscheidet, erklärt Analyst Charles Pitman-King von der Barclays-Bank.
Konkret würde der Konzern im angestrebten Sammelvergleich über bis zu 21 Jahre insgesamt maximal 7,25 Milliarden US-Dollar auszahlen. Die Zahlungen würden jährlich abnehmen und wären gedeckelt. Damit soll die finanzielle Planbarkeit verbessert werden, sowohl mit Blick auf aktuelle als auch mögliche künftige Klagen.
Dabei deckt der Vergleich laut Bayer Kläger ab, die angeben, vor dem 17.02.2026 dem glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup ausgesetzt gewesen zu sein, und bereits eine NHL-Diagnose haben oder eine NHL-Diagnose vor dem Ende einer 16-jährigen Frist erhalten. Diese Frist für eine Diagnose dieser Gruppe von Lymphdrüsenkrebs (Non-Hodgkin-Lymphom (NHL)) laufe ab der finalen Genehmigung der Vergleichsvereinbarung.
Eine Kapitalerhöhung zur Finanzierung ist laut Bayer nicht geplant, auch wenn sich der Konzern auf der Hauptversammlung im April 2025 von den Aktionären die Erlaubnis für eine mögliche Erhöhung des Kapitals um bis zu 35 Prozent eingeholt hatte. Damit wollte sich der Konzern Handlungsspielraum schaffen, "die Rechtsstreitigkeiten eindämmen und das Kreditrating auf einem angemessenen Niveau halten".
Vielmehr sei die Finanzierung des Sammelvergleichs sowie bestimmter Anleihefälligkeiten durch eine Kreditlinie von 8 Milliarden US-Dollar gesichert, teilte Bayer am Dienstag weiter mit. Die Kreditlinie soll dann über Anleihen sowie Instrumente refinanziert werden, die Ratingagenturen als eigenkapitalähnlich einstufen.
Damit der aktuelle Vergleichsplan aber überhaupt greift, muss ein Großteil der Kläger zustimmen, im Grunde fast alle, wie Anderson in einer Webkonferenz mit Analysten und Journalisten sagte. Im Herbst hatte Bayer per Stand 15. Oktober von 197.000 angemeldeten Ansprüchen gesprochen, von denen damals rund 132.000 bereits verglichen waren oder die Vergleichskriterien nicht erfüllt hatten. Diese Vergleiche haben allerdings nichts mit dem nun geplanten Sammelvergleich zu tun.
Für Analyst Matthew Weston von der Schweizer Bank UBS ist denn auch die entscheidende Frage, ob sich genügend Kläger für einen Vergleich entscheiden, bevor der oberste US-Gerichtshof seine Grundsatzentscheidung fällt. Die Entscheidung des US Supreme Courts erwartet er gegen Ende Juni.
Angesichts der erwarteten Vergleichskosten muss der Konzern nun zusätzliches Geld auf die Seite legen. Die Vereinbarungen dürften inklusive der Rechtskosten zu einer Erhöhung der Rückstellungen und Verbindlichkeiten für Rechtsstreitigkeiten von 7,8 Milliarden Euro per Ende September 2025 (davon 6,5 Milliarden Euro für Glyphosat) auf 11,8 Milliarden Euro (davon 9,6 Milliarden Euro für Glyphosat) führen, hieß es.
Auf Basis einer ersten Einschätzung sämtlicher Auszahlungen für Rechtsstreitigkeiten in Höhe von circa 5 Milliarden Euro im laufenden Jahr geht Bayer zudem für 2026 von einem negativen freien Finanzmittelfluss (Free Cashflow) aus. Um die Vergleichsvereinbarungen in den Finanzzahlen zu berücksichtigen, wird die Veröffentlichung der Geschäftszahlen für 2025 auf den 4. März verschoben.
Zusätzlich zum angestrebten Glyphosat-Sammelvergleich vereinbarte Bayer weitere vertrauliche Vergleiche, um andere Glyphosat-Fälle beizulegen. Darüber hinaus verglich sich Bayer Anfang dieses Jahres den Angaben zufolge auch zu acht verbliebenen PCB-Urteilen an der Schule "Sky Valley Education Center" im US-Bundesstaat Washington. Die Bedingungen hierzu seien ebenfalls vertraulich. Dabei geht es um Belastungen durch die seit Jahrzehnten verbotene Umweltchemikalie PCB und damit verbundene Vorwürfe von Klägern, die Gesundheitsschäden darauf zurückführen. Zudem legte Bayer jüngst auch Klagen wegen angeblicher Umweltverschmutzungen durch PCB mit den US-Bundesstaaten Illinois und West Virginia bei.
Bei den Bayer-Aktionären währte die Freude über die aktuellen Neuigkeiten nur kurz. Nach einem Kursplus von mehr als sieben Prozent am Dienstag ging es zur Wochenmitte um 8,5 Prozent auf 45,14 Euro nach unten. Allerdings war es in den vergangenen Monaten auch deutlich nach oben gegangen, seit Beginn der Erholung im November steht immer noch ein Plus von rund 64 Prozent zu Buche.
Rückenwind lieferten dabei Hoffnungen, dass der Blutgerinnungshemmer Asundexian in der Pharmasparte zu einem Milliardenmedikament wird und dass der US Supreme Court zugunsten von Bayer entscheidet. Langfristig bleibt der Blick auf den Kursverlauf aber trüb. Vor der ersten Niederlage in einem US-Glyphosat-Verfahren im Sommer 2018 hatte eine Bayer-Aktie noch mehr als 93 Euro gekostet.
Perspektivisch Luft nach oben sehen Experten indes durch eine mögliche Aufspaltung von Bayer. James Quigley von der Investmentbank Goldman Sachs etwa sieht in einem solchen Fall langfristig zusätzliches Wertpotenzial von 10 Euro je Aktie.
Auf die Frage nach einem solchen Schritt antwortete Bayer-Chef Anders in der Telefonkonferenz, dass man sich auch wieder mit diesem Thema befassen werde. Aktuell liege der Fokus aber erst einmal auf Themen wie der Lösung der Rechtsstreitigkeiten, dem Schuldenabbau, der Steigerung der Profitabilität der Agrarsparte und der fortgesetzten Belebung der Medikamenten-Pipeline im Pharmageschäft./mis/mne/stk




