
© Foto: fn Symbolbild
Evotec hat zuletzt für Aufsehen gesorgt. Innerhalb weniger Wochen kletterte die Aktie um fast 50 Prozent nach oben, doch jetzt nähert sie sich einer Marke, die über vieles entscheiden wird: dem 200-Tage-Durchschnitt bei 5,93 Euro. Gelingt der Sprung darüber, könnte sich das Blatt endgültig wenden. Scheitert die Aktie dort, droht eine erneute Talfahrt. Gleichzeitig mischt Goldman Sachs im Hintergrund kräftig mit, ein aktivistischer Investor fordert lautstark einen milliardenschweren Umbau, und Analysten trauen dem Papier fast das Doppelte des aktuellen Kurses zu. Klingt verlockend, aber die Risse im Fundament sind noch nicht verschwunden. Was steckt wirklich hinter der Rally, und wo steht Evotec tatsächlich?
Umbau, Druck und ein Deal mit Gilead
Evotec hat ein Jahr hinter sich, das von "Aufs und Abs" geprägt war. Das Hamburger Biotech-Unternehmen nennt 2026 selbst ein "Übergangsjahr", und das nicht ohne Grund. Intern laufen tiefgreifende Restrukturierungen. Das Transformationsprogramm namens "Horizon" soll die weltweiten Standorte auf zehn schrumpfen und bis Ende 2027 rund 75 Millionen Euro Kosten einsparen. Am 1. Mai tritt zudem Dr. Ingrid Müller als neue Chief Operating Officer an, sie soll den Umbau beschleunigen. Dabei ist das Bild gespalten. Das Biologika-Geschäft läuft gut: Umsatzplus von 39 Prozent auf 259 Millionen Euro. Das klassische Forschungsgeschäft dagegen schreibt rote Zahlen. Trotzdem hat Evotec seinen Nettoverlust auf rund 104 Millionen Euro halbiert, nach 196 Millionen im Vorjahr. Das operative Ergebnis hat sich fast verdoppelt. Ein konkreter Hoffnungsträger ist der Tubulis-Deal. Gilead Sciences übernimmt die Evotec-Beteiligung und soll im zweiten Quartal rund 100 Millionen US-Dollar überweisen, plus bis zu 58 Millionen bei Meilensteinen. Obendrauf sitzt Evotec bereits auf einer Liquidität von rund 476 Millionen Euro. Für 2026 peilt das Unternehmen einen Umsatz zwischen 700 und 780 Millionen Euro an, mittelfristig soll die Milliarde bis 2030 fallen. Doch der Druck von außen wächst. MAK Capital, mit sieben Prozent einer der größten Aktionäre, fordert die Ausgliederung der Biologics-Sparte und einen US-Börsengang. Den potenziellen Wert der Einheit schätzt der aktivistische Investor auf über eine Milliarde Euro.
Charttechnik
Wer auf den Chart schaut, sieht zwei Geschichten gleichzeitig. Kurzfristig hat die Aktie echten Schwung gezeigt. Vom Tief aus stieg sie um über 40 Prozent. Der RSI hat im Wochenchart ein bullisches Crossover gebildet, was auf weiteres Aufwärtspotenzial hindeutet. Das Momentum ist nach oben gerichtet, kann aber auch schnell wieder drehen. Die entscheidende Frage ist jetzt: Was passiert bei rund 5,93 Euro? Genau dort liegt der 200-Tage-Durchschnitt, eine der wichtigsten Marken in der technischen Analyse. Wenn eine Aktie diesen Bereich überwindet, signalisiert das dem Markt, dass die Trendwende stattfinden könnte. Unterhalb und oberhalb dieser Marke gibt es zusätzlich einen Widerstandsbereich zwischen 5,75 und 6,40 Euro, der früher Unterstützung war und jetzt als Deckel fungiert. Gelingt der Ausbruch, wäre das ein klares Kaufsignal. Kippt die Aktie hier ab, drohen neue Tiefs. Manche Chartisten sehen die aktuelle Bewegung übrigens als Korrekturwelle innerhalb eines übergeordneten Abwärtstrends, die langfristige Struktur bleibt also vorsichtig einzuschätzen.

Was tun?
Die Zahlen von Evotec zeigen zwar echte Fortschritte, halbierter Verlust, besseres operatives Ergebnis, solide Liquidität. Gleichzeitig bleibt das klassische Kerngeschäft ein Problemkind, und der Umsatz soll 2026 laut Analysten leicht zurückgehen. Schwarze Zahlen erwartet die Berenberg Bank erst 2027. Charttechnisch steht die Aktie jetzt vor der wichtigsten Entscheidung seit Monaten. Der 200-Tage-Durchschnitt bei 5,93 Euro ist die Schlüsselmarke. Wer auf eine nachhaltige Erholung setzen will, sollte genau beobachten, ob dieser Level überzeugend überwunden wird, am besten mit hohem Volumen und Stabilität über mehrere Tage. RBC Capital Markets sieht das Kursziel bei 10 Euro und hält an der Outperform-Einstufung fest. Neueinsteiger sollten Geduld mitbringen und eventuell erst den nachhaltigen Ausbruch über den 200er-SMA abwarten. Bis dahin bleibt Evotec eine spekulative Wette auf eine Trendwende, die möglich, aber noch nicht sicher und vollzogen ist.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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