DJ EZB: Unternehmen geben Ölpreisanstieg unterschiedlich schnell weiter
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Der Anstieg der Ölpreise durch den Iran-Krieg ist nach Erkenntnissen der Europäischen Zentralbank (EZB) zumindest in den besonders ölabhängigen Branchen schnell an die Kunden weitergegeben worden. Wie aus den Ergebnissen der von der EZB im Vorfeld der jüngsten Ratssitzung angestellten Unternehmensumfrage hervorgeht, könnte die Weitergabe bei anderen Unternehmen etwas langsamer verlaufen. Allerdings droht wegen des Kriegs nun eine Störung der Lieferketten, die einerseits für deutliche Preisanstiege, anderseits für eine Dämpfung der Nachfrage sorgen würde.
Kontakte aus den Bereichen Flugreisen, Logistik, Chemie, Kunststoffe und Verpackungen gaben an, dass bereits im März Preiserhöhungen im oft zweistelligen Bereich umgesetzt oder für das zweite Quartal angekündigt wurden. "Teilweise wurde dies durch Vertragsklauseln erleichtert, die automatische Anpassungen als Reaktion auf steigende Energiepreise vorsehen. Solche Klauseln waren verbreiteter als zum Zeitpunkt der russischen Invasion in der Ukraine, da die Unternehmen aus dieser Erfahrung gelernt hatten. Gleichzeitig waren die Firmen - zumindest die großen - tendenziell besser gegen Schwankungen der Energiepreise abgesichert als noch im Jahr 2022", erläuterte die EZB.
Diese Absicherung dürfte die Auswirkungen kurzfristig etwas begrenzen, da die Weitergabe der höheren Energiepreise für diese Unternehmen weniger direkt erfolge. Sie geschehe hauptsächlich oder ausschließlich über kleinere, nicht abgesicherte Zulieferer, die aufgrund gestiegener Vorleistungspreise selbst höhere Preise forderten.
Sollte der Krieg im Nahen Osten jedoch nicht bald beendet werden, dürfte dies nach Aussage der EZB zu Unterbrechungen der Lieferketten führen, was einen erheblichen weiteren Aufwärtsdruck auf die Preise ausüben und die Nachfrage drosseln würde. "Ein Konflikt, der eher Monate als Wochen andauert - verbunden mit einer anhaltenden Blockade der Straße von Hormus und/oder weiteren Angriffen auf die Öl- und Gasinfrastruktur -, würde zu weltweiten Engpässen führen. Dies beträfe nicht nur Kraftstoffe, sondern auch zahlreiche Produkte, die für ihre Herstellung Erdölderivate benötigen", so die EZB.
Besondere Sorgen bereiten demnach mögliche Engpässe bei Wasserstoff, der für die Düngemittelproduktion benötigt wird, sowie bei Helium, das sowohl zur Wafer-Kühlung in der Halbleiterfertigung als auch zum Schweißen von Kupfer und Nickel in vielen Hightech-Branchen eingesetzt wird. Lieferunterbrechungen dieser Art könnten einen Inflationsdruck erzeugen, der eher an die Zeit der Covid-19-Pandemie erinnert, wobei es jedoch mehrere abmildernde Faktoren gebe.
Erstens wird die weltweite Nachfrage nach EZB-Angaben im Gegensatz zur Pandemie als schwach eingeschätzt, insbesondere angesichts der verhaltenen Binnennachfrage in China. Zweitens seien keine abrupten Verschiebungen zwischen dem Konsum von Gütern und Dienstleistungen zu erwarten und drittens dürfte die Unterstützung durch die Finanzpolitik begrenzter ausfallen. "Schließlich sind die Lieferketten nach den verschiedenen Schocks der letzten Jahre widerstandsfähiger und anpassungsfähiger geworden. Für die meisten Kontakte bestand die Hauptsorge in den Auswirkungen des Krieges auf das Verbrauchervertrauen und damit auf die endgültige Konsumnachfrage."
Die Unternehmen rechnen mit einer Abschwächung des Lohnanstiegs von 3,5 Prozent 2025 auf 2,9 in diesem und 2,8 Prozent im nächsten Jahr. Insgesamt zeichnet die Umfrage das Bild einer relativ robusten Wirtschaft mit einer wachsenden Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern bei stabiler bis etwas besserer Beschäftigungsentwicklung.
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May 04, 2026 04:00 ET (08:00 GMT)
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