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Intel war lange das, was Anleger meiden, nämlich zu langsam, zu teuer, zu rückständig. Der Chipriese aus Santa Clara hatte in den letzten Jahren ordentlich Federn gelassen, und das nicht nur gegenüber Nvidia oder AMD, sondern auch in den Augen der Investoren. Doch seit einigen Wochen dreht sich das Bild dramatisch. Die Aktie kennt nur noch eine Richtung. Neue Allzeithochs jagen sich. Die US-Regierung sitzt auf einem satten Buchgewinn von über 40 Milliarden US-Dollar. Apple soll angeblich anklopfen. Und der Markt feiert, laut, ausgelassen und vielleicht etwas blauäugig. Denn hinter der Euphorie lauern Risiken, die man nicht einfach wegdiskutieren kann. Operative Verluste, ein historisch hohes KGV und ein RSI im tiefroten Bereich mahnen zur Vorsicht.
Vom Sorgenkind zum Börsenstar
Es war kein schleichender Aufstieg. Es war ein Ruck. Intel hat in diesem Jahr deutlich über 150 Prozent zugelegt. Dabei war der Konzern noch nicht lange zuvor das Paradebeispiel für einen Konzern, der den Anschluss verloren hatte. Strategische Fehlentscheidungen, verpasste Technologiesprünge, Marktanteile, die an AMD und Nvidia gegangen waren, das war das Intel der jüngsten Vergangenheit. Jetzt aber läuft es. Die Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen gleich mehrfach in Folge. Das Data-Center-Geschäft legte im ersten Quartal über 20 Prozent zu. Dazu kommen neue Partnerschaften, frische Gesichter im Management, darunter ein Ex-Qualcomm-Mann für den KI- und Robotik-Bereich, sowie eine strategische Beteiligung am KI-Chip-Startup SambaNova. Die Öffnung der eigenen Chipproduktion für externe Kunden könnte sich als echte Wende herausstellen. Und dann ist da noch Apple: Berichten zufolge soll der iPhone-Konzern prüfen, ob Intel Teile seiner Chipfertigung übernehmen könnte. Ein Ritterschlag wäre das, wenn es denn wirklich dazu kommt.

Charttechnik
Seit Anfang April hat die Aktie mehr als 150 Prozent zugelegt. Das ist kein normaler Aufwärtstrend mehr. Der RSI zeigt eine stark überkaufte Situation an. Der Wert liegt bei 86, war vor kurzem sogar noch höher. Solche Extremwerte enden selten sanft. Historisch folgen auf derartige Übertreibungsphasen meist spürbare Rücksetzer, manchmal abrupt, manchmal schleichend, aber fast immer schmerzhaft für jene, die zu spät eingestiegen sind. Das neue Allzeithoch bei über 110 US-Dollar ist beeindruckend. Doch die Kursziele der meisten Analysten liegen teils weit darunter. Die Bank of America etwa sieht den fairen Wert bei gerade mal 56 US-Dollar. Das ist nicht irgendeine Randmeinung, sondern eine fundierte Einschätzung, die auf reale operative Schwächen verweist. Wer jetzt kauft, wettet gegen diese Einschätzung. Das kann aufgehen. Muss es aber nicht. Technisch sinnvoller wäre es, auf einen deutlichen Rücksetzer zu warten und dann mit kühlem Kopf einzusteigen.
Was tun?
Intel ist keine hoffnungslose Geschichte mehr. Das muss man klar sagen. Der Turnaround hat reale Grundlagen: bessere Quartalszahlen, neue Kunden im Gespräch, frisches Management, staatliche Rückendeckung. Doch der Markt hat das bereits eingepreist, und dann noch etwas draufgelegt. Ein KGV von 125 lässt wenig Spielraum für Enttäuschungen. Der Nettoverlust von 3,7 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal ist keine Kleinigkeit. Das Foundry-Geschäft verbrennt weiterhin Kapital. Und die Konkurrenz schläft nicht. Wer Intel bereits im Depot hat, kann darüber nachdenken, die Gewinne teilweise mitzunehmen und eine Rücksetzer-Position aufzubauen. Wer noch nicht dabei ist, sollte keinesfalls blind in die laufende Rally springen. Geduld dürfte sich hier auszahlen. Ein Einstieg nach einer technischen Korrektur, idealerweise mit einer fundamentalen Neubewertung im Rücken, wäre deutlich risikoärmer. Intel bleibt spannend. Aber spannend bedeutet nicht, dass man jetzt sofort handeln muss.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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