18.06.2026
KI-Träume in Zeiten einer harten Realität
Wirtschaftsausblick:
- Ein Abkommen zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus scheint unmittelbar bevorzustehen, würde jedoch die Bedrohung, die geopolitische Spannungen für die weltweite Inflation darstellen, nicht beseitigen. Das angebliche Abkommen würde den Energiemärkten durch eine Wiedereröffnung von Hormus zwar Erleichterung bringen, die Kernfragen, die dem Konflikt zugrunde liegen - d. h. die nuklearen Fähigkeiten des Irans, sein Raketenprogramm und seine Interventionen im Ausland -, jedoch nicht lösen. Darüber hinaus führen die Normalisierung des Schiffsverkehrs, das Wiederhochfahren der Ölanlagen im Golf und der Wiederaufbau von Sicherheitsbeständen entlang der Lieferketten dazu, dass sich der Preisschock weiter durch die globalen Lieferketten ausbreiten wird.
- Das Wachstum in den USA ist im Wesentlichen eine große Wette auf KI. Sie wird durch den Infrastrukturausbau umgesetzt und schlägt sich in entsprechenden Vermögenszuwächsen bei Aktien nieder. Der Boom bei den Investitionsausgaben verstärkt den Inflationsdruck im Warensektor. Die Verbraucher leiden unter dem Realeinkommensschock, dürften jedoch von einem leichteren Zugang zu Krediten (Deregulierung) und einem stabilisierten Arbeitsmarkt (bei schrumpfender Erwerbsbevölkerung) profitieren. Die US-Notenbank (FED) hinkt der Entwicklung hinterher, und FED-Chef Warsh wird sich entscheiden müssen, ob er Trump oder den "Bond Vigilantes" entgegenkommt.
- Chinas Politikmix strahlt Stabilität aus, doch die Wirtschaft des Landes entwickelt sich nach japanischem Vorbild. Xi glaubt fälschlicherweise, dass Chinas Status als Supermacht sein räuberisches Exportmodell nachhaltig macht. Der KI-Boom ist zu gering, um die deflationären Auswirkungen des Immobilienmarktes auszugleichen. Die chinesische Zentralbank befindet sich in einer Liquiditätsfalle, daher muss die Finanzpolitik Abhilfe schaffen, um das BIP-Wachstumsziel zu sichern.
- Europa ist das Kollateralopfer des Technologiekriegs, des Energiekriegs und des Handelskriegs. Die Europäische Zentralbank (EZB) spielt die Glaubwürdigkeitskarte geschickt aus, doch ihre Exekutivbefugnisse scheinen den strukturellen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein.
Anlagestrategie:
- Kurz gesagt: auf das eigene Wachstum setzen, Erträge erzielen und in dem Marktsegment, das wir als am anfälligsten für Kurskorrekturen ansehen - bei langfristigen Renten -, Short-Positionen halten.
- Wir möchten von nominalem Wachstum profitieren, allerdings selektiv. Die US-Wirtschaft wächst nominal weiterhin kräftig, und die Gewinnerwartungen sind nach wie vor solide. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen breit angelegten Aktienaufschwung - das Wachstum konzentriert sich zunehmend auf Bereiche, die mit Investitionen in Künstliche Intelligenz verbunden sind.
- KI bleibt weiterhin der Dreh- und Angelpunkt. In der ersten Phase waren Hardware-Aktien die Gewinner. Im nächsten Schritt dürfte sich die Entwicklung auf Hyperscaler, Rechenzentren, Infrastruktur sowie Unternehmen ausweiten, die an den Engpässen der KI-Wertschöpfungskette angesiedelt sind. Rechenkapazitäten sind nach wie vor knapp, die Nachfrage steigt rasant an, und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern sich.
- Europa bietet Chancen, sofern sich die geopolitische Lage beruhigt. Der Aufholprozess Europas wurde unterbrochen, aber nicht unbedingt gestoppt. Eine Entspannung der Lage im Nahen Osten könnte das Interesse an zyklischen europäischen Werten wiederbeleben, wobei unserer Ansicht nach die Luftfahrtbranche und Banken zu den größten Gewinnern zählen würden.
- Die größte Gefahr lauert im Rentenbereich bei der Duration. Ein robustes Wachstum, hartnäckige Inflation und eine sich verschlechternde Haushaltsdynamik deuten allesamt auf höhere langfristige Renditen bei Staatsanleihen hin. Dabei geht es sowohl um die Glaubwürdigkeit der Finanz- als auch der Geldpolitik.
- Vertrauen ist nach wie vor angebracht, aber nicht blind. Die Spreads sind eng, aber Carry-Strategien sind nach wie vor attraktiv. Entscheidend ist, in Wertpapiere zu investieren, die durch Sachwerte und stabile cash flows abgesichert sind, und gleichzeitig Sektoren zu meiden, die von KI-bedingten Umbrüchen negativ betroffen sind.
Wirtschaftliche Perspektiven - Raphaël Gallardo, Chefvolkswirt
Der Ölschock bremst das weltweite Wachstum
Nach einem vielversprechenden Jahresauftakt wurde das weltweite Wachstum durch den Schock eines neuen großen Konflikts im Nahen Osten erschüttert. Die Sperrung der Straße von Hormus und die Beschädigung der Energieinfrastruktur in der Golfregion stellen einen massiven negativen Versorgungsschock dar, der eine Vielzahl von Sektoren betrifft, da Kohlenwasserstoffe nicht nur als Energiequelle, sondern auch als Rohstoff für die industrielle Chemie und die Metallurgie unerlässlich sind.
Die Verknappung bestimmter Rohölsorten, von Flüssiggas (LPG), Flüssig-Erdgas (LNG) und bestimmten Raffinerieprodukten (z. B. Naphtha) bringt in einigen Schwellenländermärkten ganze Wirtschaftszweige zum Erliegen (z. B. Fischerei auf den Philippinen, Gastronomie in Indien) und führt zu weitreichenden Störungen in den globalen Lieferketten für Düngemittel (Harnstoff), Kunststoffe (PET), Kunstfasern (Propylen), Metallveredelung (Schwefel) und Halbleitern (Helium, Fotolack-Lösungsmittel). Der Inflationsschock zwingt die Zentralbanken dazu, ihre geplanten Lockerungsmaßnahmen auszusetzen, die ein wesentlicher Bestandteil unseres optimistischen Ausblicks zum Ende des letzten Jahres waren. Insgesamt gehen wir davon aus, dass das weltweite BIP-Wachstum in diesem Jahr um 0,5 % zurückgehen wird, ausgehend von unserem früheren Wachstumsszenario von 3 %.
