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Der Essener Industriekonzern macht ernst. Wer Thyssenkrupp in letzter Zeit abgeschrieben hatte, sollte jetzt noch einmal genauer hinsehen, denn während die Schlagzeilen oft von Stahlsorgen dominiert werden, passiert im Hintergrund etwas Wichtiges, da der Konzern konsequent aufräumt und neu strukturiert mit einem klarem Ziel. Der Verkauf der Automatisierungssparte ist abgeschlossen, der wertvolle Aufzugshersteller TK Elevator rückt als möglicher Milliarden-Katalysator in den Fokus, und die Aktie hat zuletzt mit einem starken Aufwärtstrend die Augen auf sich gezogen. Dann die Konsolidierung, kommt jetzt die Trendwende? Was steckt dahinter und lohnt sich für Anleger ein genauer Blick auf das aktuelle Kursniveau? Die Antworten lesen Sie hier.
Umbau mit Tempo
Thyssenkrupp hat eine seiner Automotive-Einheiten verkauft, und das ist mehr als eine Randnotiz wert. Der Bereich Automation Engineering wechselte zum 1. April in die Hände der Münchener Agile Robots SE. Rund 650 Mitarbeiter ziehen mit, die Sparte läuft künftig unter dem Namen Krause Automation. Für den Konzern ist das ein weiterer klarer Schritt hin zu einem schlankeren, fokussierteren Geschäftsmodell. Automotive Technology konzentriert sich ab sofort auf vier Kernbereiche: Fahrwerksysteme, Komponenten, Aftermarket und Schmiedetechnik. Das Ziel ist eindeutig, mehr Profitabilität, mehr Kapitalmarktfähigkeit. Gleichzeitig bleibt die Stahlsparte die große Baustelle. Das Werk im französischen Isbergues wird von Juni bis September komplett stillgelegt, Grund ist der massive Preisdruck durch günstige Stahlimporte aus Asien. Das Management kämpft für schärfere EU-Schutzmaßnahmen, und die Chancen stehen nicht schlecht: Das EU-Parlament hat einen Vorschlag eingebracht, der Importquoten deckeln und Schutzzölle verdoppeln würde. Die Entscheidung wird für Juli 2026 erwartet. Das könnte die Lage im Stahlgeschäft rasch entschärfen. Der eigentliche Joker im Konzern liegt allerdings woanders. Thyssenkrupp hält noch 16,2 Prozent an TK Elevator, dem ehemaligen Herzstück des Konzerns. Die Haupteigentümer prüfen derzeit einen Börsengang in der zweiten Jahreshälfte 2026, der den Aufzugshersteller mit bis zu 25 Milliarden Euro bewerten könnte. Zieht man allein den Anteilswert von Thyssenkrupp heran, wäre das ein enormer Kapitalzufluss, der Investitionen in die grüne Stahlproduktion und den Abbau von Schulden ermöglichen würde.

Charttechnik
Die Aktie hat am Mittwoch ein klassisches Gap-up gezeigt, sie eröffnete deutlich über dem Vortagesschluss und stieg zeitweise auf über 8,60 Euro. Damit durchbrach das Papier wichtige Widerstände nach oben, was technisch als positives Signal gilt. Der RSI kletterte dabei kurzfristig auf einen Wert von 33 Punkten - also noch Platz nach oben vorhanden. Für Anleger mit etwas Geduld ergibt sich daraus eine interessante Einstiegsmöglichkeit. Gaps schließen sich an der Börse häufig, ein Rücksetzer in Richtung 8,00 Euro wäre charttechnisch ok und könnte eine attraktive Kaufgelegenheit bieten. Ein Kursziel von 11 Euro, in Reichweite der 50-Tage-Linie und im Bereich mehrerer Analysteneinschätzungen, wäre realistisch erreichbar, wenn die Restrukturierungsgeschichte weiter Fahrt aufnimmt. Ein Stopp-Loss z. B. knapp unterhalb von 7 Euro würde das Risiko überschaubar begrenzen. Das Chance-Risiko-Verhältnis dabei ist vertretbar.
Was tun?
Wer bei Thyssenkrupp investiert ist oder einen Einstieg erwägt, steht vor einer klassischen Restrukturierungsgeschichte, mit allem, was dazugehört: Risiko, Potenzial und Bewegung. Die zuletzt veröffentlichten Quartalszahlen waren schwach. Umsatz und Gewinn blieben hinter den Erwartungen zurück, der Verlust je Aktie lag bei -0,57 Euro, deutlich unter dem Vorjahresniveau. Das ist kein Geheimnis und ist im Kurs bereits eingepreist. Auf der anderen Seite stehen handfeste Fortschritte. Der Verkauf der Automatisierungssparte ist abgeschlossen, der Konzern wird schlanker. Analysten sehen das mittlere Kursziel bei rund 10,90 Euro, Jefferies traut der Aktie sogar 13 Euro zu. Fundamental ist das Unternehmen gemessen am Kurs-Umsatz-Verhältnis günstig bewertet. Und mit dem möglichen Exit bei TK Elevator wartet ein echter Werthebel, der bislang im Kurs kaum beinhaltet ist. Charttechnisch bietet ein Rücksetzer auf rund 8 Euro eine sauberere Einstiegsbasis als ein Kauf in die Stärke hinein. Wer auf Gap-closing setzt, ein Kauflimit bei etwa 8 Euro platziert und den Stopp-Loss knapp unter 7 Euro legt, hat ein mögliches Setup mit überschaubarem Verlustrisiko und solidem Aufwärtspotenzial Richtung 11 Euro. Kurzum: Thyssenkrupp ist keine risikolose Wette, aber für risikobewusste Anleger einer der spannendsten Turnaround-Kandidaten im deutschen Aktienbereich.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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