
© Foto: fn Symbolbild
Rheinmetall galt lange als der Liebling der Rüstungs- und Verteidigungsanleger. Kaum eine Aktie wurde so gefeiert, kaum eine ist so tief gefallen. Über 30 Prozent im Minus seit Jahresbeginn, ein Kurs, der sich zäh um die 1.200-Euro-Marke schleppt, und ein Chart, der technisch gesehen nach unten zeigt, weit nach unten. Wer glaubt, das Schlimmste sei überstanden, sollte sich das Chartbild noch einmal genau ansehen. Denn da klafft eine offene Kurslücke zwischen 750 und 800 Euro, und die will geschlossen werden. So funktioniert das nun mal an der Börse. Hinzu kommen ein Großprojekt, das zu scheitern droht, ein Cashflow, der im ersten Quartal schmerzhaft fehlte, und Analysten, die mit ihren Kurszielen von 1.900 Euro zunehmend unglaubwürdig wirken, angesichts der realen Kursentwicklung an der Börse. Was steckt wirklich hinter dem jüngsten Rückgang und wie weit kann es noch gehen?
Der Absturz, der scheinbar kein Ende findet
Vor nicht allzu langer Zeit war Rheinmetall das Sinnbild des Verteidigungsbooms. Die Aktie kletterte von Hoch zu Hoch, die Auftragsbücher füllten sich, und Anleger rissen sich um die Papiere des Düsseldorfer Rüstungskonzerns. Das ist mittlerweile Vergangenheit. Heute notiert die Aktie bei rund 1.200 Euro, sehr deutlich unter dem 52-Wochen-Hoch von knapp 2.000 Euro. Wer im Herbst 2025 eingestiegen ist, schaut derzeit tief in die roten Zahlen. Was ist passiert? Auf den ersten Blick nicht viel. Rheinmetall wächst operativ, die Umsätze sollen 2026 um 40 bis 45 Prozent steigen, die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Aber der Markt schaut eben nicht nur auf diese Schlagzeilen, sondern er schaut auf z. B. den freien Cashflow, und der war im ersten Quartal schlicht nicht da. Das Unternehmen steckt gerade mitten in einer gewaltigen Expansionsphase, was ja per se nicht schlecht ist. Es werden massig Kapazitäten ausgebaut, Lieferketten gesichert, Personal aufgestockt. Das kostet halt alles Geld, teilweise sehr viel Geld und Anleger, die auf schnelle Rückflüsse gehofft hatten, wurden dabei enttäuscht. Dann kam der Schlag aus dem MGCS-Projekt hinzu. CEO Armin Papperger machte öffentlich, was viele bereits geahnt hatten: Das deutsch-französische Großpanzerprojekt, das den Leopard 2 ersetzen soll, könnte scheitern. In fast zehn Jahren Entwicklungszeit wurden gerade einmal 25 Millionen Euro ausgezahlt. Frankreich plant nun massive Budgetkürzungen. Für Anleger war das ein Warnsignal. Der Kurs quittierte die Nachricht mit einem Minus an der Börse.

Charttechnik
Wer sich das Chartbild von Rheinmetall ansieht, dem wird nicht warm ums Herz, der bekommt derzeit kein Rüstungsfieber. Die Aktie befindet sich seit Monaten in einem klaren Abwärtstrend. Sie notiert weit unter dem 200er SMA. Der liegt nochmal über 400 Euro über dem aktuellen Kurs. Das ist keine kurzfristige Schwächephase, das ist ein deutlicher Einbruch, was wir hier gerade sehen und erleben. Besonders beunruhigend ist aber , dass im Chart eine offene Kurslücke zwischen 750 und 800 Euro zu erkennen ist. Solche Lücken wirken wie ein Magnet. Solange sie offen sind, bleibt der Abwärtsdruck für irgendwann später latent vorhanden. Charttechniker sprechen in diesem Zusammenhang erst dann von einem "bereinigten" Chart, wenn diese Lücke geschlossen wurde. Das ist die nüchterne Logik der charttechnischen Analyse. Wer auf eine schnelle Trendwende setzt, stellt sich gegen den Chart. Und das geht selten gut. Hinzu kommt: Das 52-Wochen-Tief bei rund 1.100 Euro ist nicht mehr weit entfernt. Ein Rückfall darunter würde charttechnisch neue Verkaufssignale auslösen und weiteren Druck aufbauen. Die Unterstützungszone ist dünn, und der nächste Boden wäre erst deutlich tiefer zu finden.
Was tun?
Rheinmetall ist kein schlechtes Unternehmen, das muss man klar sagen, denn die Auftragslage ist gut, der politische Rückenwind in Europa ist vorhanden und die strategische Ausrichtung, Munition, Fahrzeuge, Luftabwehr, dazu neue Felder wie Drohnen und Satellitenkommunikation, macht Sinn. Morningstar-Analystin Loredana Muharremi sieht den fairen Wert bei 2.380 Euro, und auch Deutsche Bank, Barclays und Jefferies empfehlen die Aktie zum Kauf. Aber der Markt sieht das gerade anders. Und der Markt hat eine Eigenheit. Das sollte man nie vergessen: Er kann länger irrational bleiben, als Anleger solvent. Die Fundamentaldaten mögen langfristig überzeugen, kurzfristig zeigen Chart und Sentiment in eine andere Richtung. Der fehlende Cashflow im ersten Quartal bleibt ein Manko und das MGCS-Scheitern belastet das Vertrauen. Die offene Kurslücke bei 750 bis 800 Euro hängt wie ein Damoklesschwert über dem Kurs. Wer in Rheinmetall investiert ist, sollte Verlustbegrenzungen konsequent einziehen, sofern es nicht schon gemacht hat und nicht darauf vertrauen, dass der Kurs von alleine dreht. Ein voreiliger Kauf in einen laufenden Abwärtstrend hinein ist selten eine gute Idee. Die Risiken überwiegen derzeit die Chancen.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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