(neu: Aussagen von Konzernchef Markus Krebber aus der Pressekonferenz, weiterer Analysten-Kommentar, Kurs)
ESSEN (dpa-AFX) - Der Energiekonzern RWE will die Mehrheit am Übertragungsnetzbetreiber Amprion übernehmen. Der Preis für die Aufstockung der Amprion-Anteile auf 55 Prozent liege bei rund 3,6 Milliarden Euro, teilte RWE am Montagabend nach Börsenschluss in Essen mit. Verkäufer ist ein Konsortium aus Versorgungswerken und institutionellen Investoren aus der Versicherungsbranche. RWE besorgte sich für den Deal noch am Montagabend brutto rund vier Milliarden Euro am Aktienmarkt und will Milliarden in den Netzausbau investieren. An der Börse zeigte sich die RWE-Aktie zuletzt erholt von zwischenzeitlichen Abgaben.
"Das regulierte Netzgeschäft wird zum dritten Investitionsschwerpunkt, neben Erneuerbare und flexible Erzeugung", sagte RWE-Chef Markus Krebber in einer Pressekonferenz am Dienstag. Durch die zusätzliche Einkommensquelle mit regulierten und stabilen Erträgen werde das RWE-Portfolio noch robuster und widerstandsfähiger. Zudem sieht Krebber zusätzliches Wachstumspotenzial für RWE. 2031 soll das Netzgeschäft dem Konzernchef zufolge rund 930 Millionen Euro zum Ergebnis beitragen.
Für die im Dax gelistete Aktie ging es am Dienstag zunächst um bis zu 2,6 Prozent abwärts, im weiteren Verlauf erholte sie sich aber wieder und notierte zuletzt wenig verändert bei 55,62 Euro. Seit Jahresbeginn haben die Titel fast ein Viertel an Wert gewonnen. Mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate liegt das Plus sogar bei etwas über der Hälfte. RWE wird an der Börse mit rund 41 Milliarden Euro bewertet.
Analyst Alexander Wheeler von der kanadische Bank RBC wertet den Schritt von RWE als positiv für den Energiekonzern. Durch die Transaktion ergebe sich starkes langfristiges Wachstumspotenzial, schrieb er.
Ahmed Farman vom Analysehaus Jefferies rechnet durch die Aufstockung des Anteils am Stromnetzbetreiber Amprion mit einem Ergebnisbeitrag von 1 bis 3 Prozent für die Essener. Die Finanzierung über eine Kapitalerhöhung habe ihn allerdings überrascht.
Laut Branchenexpertin Wanda Serwinowska von der Schweizer Großbank UBS verändert die Mehrheitsbeteiligung an Amprion das Geschäftsprofil von RWE nicht merklich. Der Kaufpreis für die Anteilsaufstockung an Amprion sei verglichen mit der Bewertung des belgischen Konkurrenten Elia recht günstig gewesen.
Zurückhaltender äußerte sich indessen Deepa Venkateswaran vom US-Analysehaus Bernstein. Die Übernahme weiterer Anteile an Amprion komme den Energiekonzern weniger günstig als zuvor kommuniziert, so die Analystin. Der bezahlte Aufschlag lasse die Aussichten für die bereits uninspirierenden Erträge in Deutschland noch mittelmäßiger erscheinen.
Nach eigenen Angaben hat RWE Vereinbarungen mit den Anteilseignern der M31 Beteiligungsgesellschaft erzielt, um deren indirekte Anteile an Amprion zu erwerben. Zu den Verkäufern zählen unter anderem der Versicherer Talanx und Meag Munich Ergo, der Vermögensverwalter der Munich Re und der Ergo Group.
Amprion betreibt den Angaben zufolge ein 11.000 Kilometer langes Höchstspannungsnetz, mit dem Strom von der Nordsee bis zu den Alpen transportiert wird. Im Zuge der Energiewende ist in den kommenden Jahren ein umfangreicher Ausbau des Übertragungsnetzes nötig. Die hierfür erforderlichen hohen Investitionen wird RWE nach eigenen Angaben mitfinanzieren.
Schon jetzt hält RWE über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Finanzinvestor Apollo 25,1 Prozent an Amprion. Durch die Aufstockung soll der mittelbare Anteil des Konzerns an dem Übertragungsnetzbetreiber auf 55 Prozent steigen. Dazu beteiligt sich RWE selbst an dem Konsortium M31. Vollzogen werden soll der Deal den Plänen zufolge bis Ende September.
Das nötige Geld brachte eine Kapitalerhöhung. Dazu platzierte RWE am Montagabend rund 74,4 Millionen Aktien zum Stückpreis von 54 Euro bei institutionellen Anlegern. Davon kamen knapp die Hälfte aus einer Kapitalerhöhung und gut die Hälfte aus dem Verkauf von Anteilen im eigenen Bestand - zusammen etwa zehn Prozent des Grundkapitals. Das Bezugsrecht bisheriger Aktionäre war dabei ausgeschlossen. Vom Bruttoerlös in Höhe von rund vier Milliarden Euro gehen noch Provisionen und Kosten ab.
RWE-Chef Krebber verspricht sich von der Aufstockung bei Amprion und der Bereitstellung zusätzlicher Mittel zum Ausbau des Übertragungsnetzes in Deutschland attraktive Wachstumsmöglichkeiten für den Konzern. "Mit Umsetzung der angekündigten Kapitalmaßnahme sind auch die zusätzlichen Investitionen bis 2031 abgesichert", sagte er. Die Deals sollen das Ergebnis pro Aktie ab dem ersten Tag steigern. "Für 2031 wollen wir unser Ziel von 4,40 Euro auf 4,55 Euro je Aktie erhöhen", sagte er.
Amprion-Chef Christoph Müller beteuerte, dass der Übertragungsnetzbetreiber trotz des erhöhten Anteils von RWE unabhängig bleibe - gemäß den gesetzlichen Entflechtungsvorschriften. "Das Unternehmen wird weiterhin unter seiner bestehenden Marke und mit seinem bestehenden Management-Team operieren." RWE werde die Beteiligung an Amprion weiterhin nicht voll in seine Geschäftszahlen aufnehmen.
Den Angaben zufolge will RWE bis zum Jahr 2031 weiterhin 35 Milliarden Euro netto für den Ausbau des globalen Portfolios an Erneuerbaren Energien, Batteriespeichern und flexibler Erzeugung investieren. Zudem hält die Konzernspitze an ihrem Dividendenziel von 1,32 Euro je Aktie für das Geschäftsjahr 2026 fest und bekräftigte ihre Absicht, die Dividende jährlich um 10 Prozent zu steigern./stw/err/tav/jha/




