Die Zeitenwende hat Europas Rüstungsindustrie grundlegend verändert. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind Verteidigungsausgaben wieder ein strukturelles Wachstumsthema, und Unternehmen wie Rheinmetall, Hensoldt oder Renk profitieren von vollen Auftragsbüchern, langen Programmlaufzeiten und politischem Rückenwind. An der Börse ist dieser Befund allerdings längst angekommen und damit alles andere als ein Geheimtipp.
Rheinmetall steht exemplarisch für diese Neubewertung. Seit Kriegsbeginn hat sich der Kurs vervielfacht, die Aktie wurde zum Symbol der neuen sicherheitspolitischen Realität. Doch nach einer solchen Rally steigt auch die Fallhöhe. Die jüngste Konsolidierung im Sektor zeigt, dass Anleger inzwischen stärker zwischen Wachstum, Bewertung und kurzfristiger Enttäuschungsanfälligkeit unterscheiden.
Hohe Erwartungen eingepreist
Operativ bleibt das Umfeld für die großen Rüstungswerte stark. Europa muss Munitionsbestände auffüllen, Luftverteidigung ausbauen, Fahrzeuge modernisieren und die industrielle Verteidigungsbasis verbreitern. Das spricht für mehrere Jahre hoher Nachfrage. Trotzdem ist die Bewertung bei den bekannten Branchenführern anspruchsvoll. Rheinmetall, Hensoldt und Renk werden auch nach den Kursrückgängen der letzten Monate mit hohen Gewinnmultiplikatoren von jenseits von 35 gehandelt.
Damit reicht die gute Branchenstory allein nicht mehr aus, um die Aktien weiter deutlich nach oben zu treiben. Entscheidend wird, ob die Unternehmen die hohen Erwartungen mit steigenden Margen, schneller Abarbeitung der Aufträge und belastbaren Kapazitätsausweitungen unterlegen können. Genau an dieser Stelle reagieren Kurse nach einer starken Neubewertung besonders sensibel.
Nachzügler rücken in den Fokus
Interessanter wirken deshalb Unternehmen, bei denen das Defence-Potenzial noch nicht vollständig eingepreist ist. Deutz ist dafür ein gutes Beispiel. Der Konzern bleibt im Kern ein Industrieunternehmen, erschließt sich aber zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten im militärischen Bereich. Dadurch entsteht eine Mischung aus etabliertem Geschäft, günstigerer Bewertung und zusätzlicher Fantasie durch Defence-Anwendungen.
Spannendes IPO
Ein weiteres Unternehmen mit einer ähnlichen strategischen Ausrichtung befindet sich gerade in der Endphase seines Börsengangs. Die electrovac AG verbindet ein breit aufgestelltes Industriegeschäft mit dem gezielten Ausbau ihres Defence-Segments. Der Fokus liegt auf hermetischen Glas-Metall-Gehäusen, die sensible Elektronik in sicherheitskritischen Anwendungen zuverlässig gegen Einflüsse wie Temperaturschwankungen, hohen Druck oder aggressive Medien abschirmen. Bislang dominieren Anwendungen im Automobilbereich, etwa bei Komponenten für Airbagzünder oder Gurtstraffer. Zunehmend gewinnt jedoch der Verteidigungssektor an Bedeutung, in dem die Lösungen beispielsweise in Flugabwehrsystemen oder speziellen Munitionszündern eingesetzt werden.
Das dynamische Wachstum im Defence-Bereich hat die Profitabilität zuletzt spürbar verbessert und die EBIT-Marge auf über 12 Prozent steigen lassen. Im Zuge des Börsengangs stellt das Unternehmen zudem eine Ausweitung des Umsatzes von derzeit rund 100 Mio. Euro auf etwa 150 Mio. Euro in Aussicht. Die angestrebte Bewertung erscheint dabei nicht überzogen: Auf Basis der mittleren Preisspanne im Bookbuilding ergibt sich für das Geschäftsjahr 2025/26 ein KGV von 16,2, wobei die zugrunde liegenden Gewinnzahlen auf Schätzungen der Emissionsbank basieren. Die angebotenen Aktien, die überwiegend aus einer Kapitalerhöhung stammen, können noch bis zum 27. April gezeichnet werden, unter anderem über ein Online-Zeichnungstool des Unternehmens.
Sektor-Bewertung bleibt der Knackpunkt
Der Sektor bleibt strukturell attraktiv, aber der einfache Teil der Börsenstory dürfte vorbei sein. Bei Rheinmetall und anderen großen Namen wird viel künftiges Wachstum bereits bezahlt. Das macht die Aktien nicht automatisch unattraktiv, erhöht aber den Spielraum für Enttäuschungen. Spannender könnten deshalb Werte sein, bei denen der Markt die Defence-Komponente noch nicht vollständig bewertet hat. Deutz und electrovac zeigen, dass der Rüstungsboom auch außerhalb der offensichtlichen Branchenführer Anlageideen hervorbringen kann. Für Anleger wird es damit weniger eine Frage, ob Defence ein Wachstumsthema bleibt, sondern vielmehr, wo das Verhältnis aus Fantasie, Bewertung und Risiko noch überzeugt.
(aktien-global.de, erstellt 27.04.26, 09:34 Uhr, veröffentlicht 27.04.26, 09:44 Uhr, bitte beachten Sie unseren Disclaimer zu potenziellen Interessenkonflikten: https://www.aktien-global.de/impressum/).
Originalmeldung: https://www.aktien-global.de/news-cov/newscov_rheinmetall/rheinmetall_und_hensoldt_fantasie_vs_bewertung-23718/




