10.06.2026 -
Die Europäische Zentralbank steht kurz davor, einen Fehler zu begehen. Die erwartete Zinserhöhung um 25 Basispunkte droht, die bereits angeschlagene Konjunktur in der Eurozone weiter zu schwächen, ohne dass dies für das Eingrenzen der Inflationsgefahren nötig wäre.
Die wirtschaftliche Lage der Eurozone hat sich verschlechtert: Das Verbrauchervertrauen ist eingebrochen, während der Einkaufsmanagerindex im Mai auf 48,5 Punkte gesunken ist und somit eine schrumpfende Konjunktur im privaten Sektor signalisiert. Der Irankrieg trifft die Eurozone hart. Da es sich um einen angebotsseitigen Energieschock handelt, kann die Geldpolitik die gestiegenen Preise für Energie und Transport nicht direkt bekämpfen. Das Risiko für ausgeprägte Zweitrundeneffekte ist nicht allzu ausgeprägt, da der stagnierende Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosenquote von rund 6,3 % deutliche Lohnerhöhungen erschwert und die schwache Verbrauchernachfrage die Unternehmen daran hindert, ihre Zusatzkosten voll weiterzugeben. Die Gefahr einer echten Inflationsspirale ist heute weit geringer als im Jahr 2022. Damals hatte die EZB mit einer bereits im Jahr 2021 viel zu expansiven Geldpolitik die Basis für den Inflationsschub des Jahres 2022 gelegt. Heute ist die Ausgangslage anders. Vor dem Irankrieg hatte sich die Inflation bei 2 % eingependelt. Angesichts einer drohenden Stagflation mit einem prognostizierten BIP-Wachstum von lediglich 0,1 % im dritten Quartal 2026 nach einer Stagnation im zweiten Quartal braucht die EZB nicht auf die geldpolitische Bremse treten. Die schwache Nachfrage wird die mittelfristigen Inflationsgefahren auch ohne höhere Zinsen hinreichend eingrenzen. Einen einmaligen Zinsschritt von 25 Basispunkten im Juni könnte die angeschlagene Konjunktur vielleicht noch halbwegs verkraften. Sollte sie aber im Juli oder September darüber hinaus gehen, könnte sie die Eurozone damit im schlimmsten Fall sogar in eine hausgemachte Rezession stürzen.

