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Graphen gilt seit mehr als 20 Jahren als eines der vielversprechendsten Materialien der Welt. Seine außergewöhnlichen Eigenschaften sind in der Wissenschaft seit Langem bekannt. Dennoch verlief die Kommerzialisierung deutlich langsamer, als viele Beobachter nach der Entdeckung des Materials erwartet hatten.
Warum ist das so? Und weshalb sieht sich First Graphene (ISIN: AU000000FGR3) heute anders aufgestellt als viele Wettbewerber? Darüber sprach CEO Michael Bell im Interview mit Dr. Reuter Investor Relations. Seine Antworten geben Einblicke in eine Branche, die sich zunehmend von der Forschung hin zur industriellen Anwendung entwickelt.
"Graphen ist 200-mal stärker als Stahl" - Warum das Material so viele Industrien beschäftigt
Für Michael Bell beginnt die Geschichte nicht beim Unternehmen, sondern beim Material selbst. Graphen sei eine extrem dünne Form von Kohlenstoff, die aus weniger als zehn Atomlagen bestehe. Gerade diese Struktur verleihe dem Material seine außergewöhnlichen Eigenschaften.
"Es ist elektrisch leitfähig, thermisch leitfähig, 200-mal stärker als Stahl, abriebfest und ein natürlicher Flammschutz", erklärt Bell.
Die eigentliche Stärke von Graphen liege jedoch nicht darin, ein eigenständiges Produkt zu sein. Vielmehr werde es bestehenden Materialien als Additiv zugesetzt und verbessere dort gezielt deren Eigenschaften. So könne Graphen Elastomere verschleißfester machen, Kunststoffe leichter und stabiler gestalten oder Beton leistungsfähiger machen und gleichzeitig helfen, den CO2-Ausstoß der Zementproduktion zu reduzieren.
"Das wirklich Innovative ist, dass Graphen die Leistung über eine außergewöhnlich breite Palette von Anwendungen verbessern kann", fasst Bell zusammen.
"Wir haben uns vom Labor gelöst" - Warum First Graphene einen anderen Weg gewählt hat
Viele Graphen-Unternehmen entstanden aus Universitäten oder Forschungsprojekten. First Graphene habe sich nach Aussage des CEO bewusst in eine andere Richtung entwickelt.
"Über die Jahre haben wir es geschafft, uns von der akademischen Welt und dem Laborumfeld zu lösen und ein kommerziell arbeitendes Unternehmen aufzubauen."
Der sichtbarste Ausdruck dieser Strategie ist die Produktionsanlage im australischen Henderson nahe Perth. Dort produziert das Unternehmen Graphenpulver für industrielle Anwendungen.
Besonders bemerkenswert findet Bell dabei die Produktionskapazität.
"Unsere Anlage kann rund 100 Tonnen Graphen pro Jahr herstellen. In der Graphen-Welt sind 100 Tonnen sehr viel."
Diese Aussage ordnet er unmittelbar ein. Graphen werde nur in sehr geringen Dosierungen eingesetzt. Deshalb reichten bereits vergleichsweise kleine Mengen aus, um große Materialvolumina zu veredeln. Gleichzeitig sei die bestehende Anlage bereits bewährt und könne bei steigender Nachfrage weiter ausgebaut werden.
35 Kunden statt eines Zukunftsversprechens
Für Bell zeigt sich der Unterschied zu vielen Wettbewerbern jedoch nicht allein an der Produktion.
"Wir erzielen bereits Umsätze. Wir haben etwa 35 Kunden mit 35 unterschiedlichen Anwendungen."
Nach seinen Angaben hat First Graphene gemeinsam mit diesen Kunden den gesamten Entwicklungsprozess durchlaufen - von der Auswahl der passenden Graphenspezifikation über Testreihen bis hin zur Integration in bestehende Produkte.
Besonders wichtig sei dabei die eigene Rolle.
"Unsere Aufgabe ist nicht, einen Schuh zu entwickeln. Unsere Aufgabe ist es, das richtige Graphen auszuwählen, damit unser Kunde einen besseren Schuh entwickeln kann."
Genau dieser Ansatz führe laut Bell zu engen und langfristigen Kundenbeziehungen.
"Wir arbeiten sehr eng mit unseren Kunden zusammen und helfen ihnen dabei, erfolgreich zu sein. Dadurch wächst letztlich auch unser eigenes Geschäft."
Vom Beton bis zur Militärtechnik - Warum Graphen so viele Industrien erreicht
Die Vielfalt der Anwendungen zieht sich durch das gesamte Interview.
Im Baustoffbereich arbeitet First Graphene nach Angaben des Unternehmens gemeinsam mit der Breedon Group (ISIN: GB0002869419) an graphenverstärktem Zement. Ziel sei es, die Festigkeit des Materials zu erhöhen und dadurch den sogenannten Klinkeranteil zu reduzieren - ein entscheidender Hebel zur Senkung der CO2-Emissionen in der Zementindustrie.
Bell verweist darauf, dass graphenhaltige Produkte inzwischen unter anderem bei Infrastrukturprojekten in Großbritannien eingesetzt wurden. Dazu gehörten Anwendungen an Bahnhöfen, Fundamenten, Betonrohren sowie Dachziegeln.
Ganz andere Anforderungen stellt dagegen ein Projekt in den USA.
"Am anderen Ende der Skala haben wir einen Kunden, der leitfähige Tinten für militärische Anwendungen herstellt."
Hinzu kommen Verbundwerkstoffe für Schwimmbecken, Druckbehälter und Kohlefaseranwendungen sowie neue Entwicklungen im Bereich Pulverbeschichtungen. Besonders spannend findet Bell dabei aktuelle Projekte zum Korrosionsschutz.
"Wir sprechen dort von einer zwei- bis dreifachen Verbesserung der Korrosionsbeständigkeit gegenüber herkömmlichen verzinkten Beschichtungen."
"Das Potenzial ist so groß, dass es sogar ablenken kann"
Gerade die Vielzahl möglicher Anwendungen beschreibt Bell als Chance - aber auch als Herausforderung.
"Das Potenzial ist so groß, dass es manchmal sogar zur Ablenkung wird."
Immer wieder kämen Unternehmen mit neuen Ideen und Anwendungsgebieten auf First Graphene zu. Deshalb müsse das Unternehmen konsequent priorisieren.
"Man muss den Fokus auf die Anwendungen legen, die den größten Einfluss auf das Geschäft haben."
Gleichzeitig verfolgt First Graphene bewusst eine breite Produktstrategie. Unterschiedliche Anwendungen benötigen unterschiedliche Graphenspezifikationen.
"Wir haben uns entschieden, unser Produktportfolio möglichst breit aufzustellen, damit wir unsere Chancen zur Umsatzgenerierung maximieren."
Warum die nächste Phase der Graphen-Branche jetzt beginnen könnte
Das Interview mit Michael Bell vermittelt ein Bild einer Branche, die sich verändert. Während in den ersten Jahren nach der Entdeckung von Graphen vor allem Forschung und Materialeigenschaften im Mittelpunkt standen, rücken heute Produktionskapazitäten, industrielle Anwendungen und Kundenprojekte zunehmend in den Vordergrund.
Für Bell ist genau das der entscheidende Unterschied.
Nicht die Frage, ob Graphen außergewöhnliche Eigenschaften besitzt, sondern ob daraus Produkte entstehen, die Industrieunternehmen tatsächlich einsetzen können.
Mit einer Produktionskapazität von rund 100 Tonnen pro Jahr, nach eigenen Angaben rund 35 aktiven Kunden und Anwendungen von CO2-ärmerem Beton bis hin zu leitfähigen Tinten verfolgt First Graphene den Anspruch, genau diesen Schritt von der Forschung in die industrielle Praxis zu gehen.

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Quellen:
Interview mit CEO Michael Bell, Dr. Reuter Investor Relations
https://firstgraphene.net/investor-presentations/
https://firstgraphene.net/
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First Graphene Limited
Land: Australien
ISIN: AU000000FGR3
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