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Seit seiner Entdeckung vor gut 20 Jahren gilt Graphen als eines der spannendsten Materialien der modernen Werkstoffforschung. Kaum ein anderer Werkstoff vereint so viele außergewöhnliche Eigenschaften: hohe Festigkeit, elektrische und thermische Leitfähigkeit sowie vielseitige Einsatzmöglichkeiten in unterschiedlichsten Industrien. Trotzdem verlief die Kommerzialisierung deutlich langsamer, als viele Experten nach der Verleihung des Nobelpreises für Graphen im Jahr 2010 erwartet hatten.
Warum das so war und weshalb sich die Branche seiner Ansicht nach inzwischen an einem Wendepunkt befindet, erklärt Michael Bell, CEO von First Graphene (ISIN: AU000000FGR3), in mehreren Interviews - unter anderem mit dem Fachportal AZoNano sowie zuletzt auch im Gespräch mit Dr. Reuter Investor Relations.
Warum nicht das Material das eigentliche Problem war
Viele Diskussionen über Graphen drehen sich um seine außergewöhnlichen Eigenschaften. Für Bell greift diese Sichtweise jedoch zu kurz.
Im Interview mit AZoNano erklärt er, dass das eigentliche Problem nie im Material selbst gelegen habe. Die Herausforderung bestehe vielmehr darin, für jede Anwendung die passende Graphenspezifikation zu entwickeln. Beton, Beschichtungen, Verbundwerkstoffe oder leitfähige Kunststoffe stellten völlig unterschiedliche Anforderungen. Deshalb könne nicht jede Form von Graphen jede Aufgabe gleichermaßen gut erfüllen.
Diese Aussage passt zu einem Trend, der sich inzwischen in der gesamten Branche beobachten lässt. Während früher häufig über das Potenzial von Graphen gesprochen wurde, stehen heute immer stärker konkrete Industrieanwendungen im Mittelpunkt.
Warum aus Forschung langsam Industrie wird
Für Bell befindet sich die Graphen-Branche inzwischen in einer neuen Entwicklungsphase.
Im Interview mit Dr. Reuter Investor Relations beschreibt er den entscheidenden Unterschied mit wenigen Worten: "Wir haben uns von der akademischen Welt und dem Labor gelöst und ein kommerziell arbeitendes Unternehmen aufgebaut."
Hinter dieser Aussage steckt mehr als ein Strategiewechsel. Denn Materialinnovationen scheitern häufig nicht an der Forschung, sondern an der industriellen Umsetzung. Produktionskapazitäten müssen aufgebaut, Qualitätsstandards eingehalten und Lieferketten etabliert werden. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, entstehen aus erfolgreichen Laborergebnissen marktfähige Produkte.
Nach Angaben des Unternehmens verfügt First Graphene heute über eine Produktionskapazität von rund 100 Tonnen Graphen pro Jahr. "In der Graphen-Welt sind 100 Tonnen sehr viel", ordnet Bell ein. Da Graphen meist nur in sehr geringen Mengen als Additiv eingesetzt werde, könnten bereits vergleichsweise kleine Produktionsmengen große Materialvolumina veredeln.
Warum Kunden heute wichtiger sind als Visionen
Ein weiterer Schwerpunkt der Interviews liegt auf der Zusammenarbeit mit Industriekunden.
Nach Angaben von Bell arbeitet First Graphene inzwischen mit rund 35 Kunden an 35 unterschiedlichen Anwendungen. Dabei versteht sich das Unternehmen nicht als Hersteller fertiger Endprodukte.
"Unsere Aufgabe ist nicht, einen Schuh zu entwickeln", erklärt Bell im Gespräch mit Dr. Reuter Investor Relations. Stattdessen gehe es darum, die passende Graphenspezifikation auszuwählen und Kunden dabei zu unterstützen, ihre eigenen Produkte leistungsfähiger zu machen.
Dieser Ansatz reicht von Baustoffen über Thermoplaste und Verbundwerkstoffe bis hin zu Schutzbeschichtungen. Nach Ansicht des Managements entstehen dadurch langfristige Kundenbeziehungen, weil Graphen gemeinsam mit den jeweiligen Industriepartnern in bestehende Produkte integriert wird.
Warum die größten Chancen in der Breite liegen könnten
Viele Werkstoffunternehmen konzentrieren sich auf einzelne Zielmärkte. Bell verfolgt bewusst einen anderen Ansatz.
Im Interview beschreibt er die Vielfalt möglicher Anwendungen als eine der größten Stärken von Graphen. Gleichzeitig warnt er davor, sich von dieser Vielzahl an Möglichkeiten ablenken zu lassen. "Das Potenzial ist so groß, dass es manchmal sogar zur Ablenkung wird", sagt er.
First Graphene arbeitet deshalb gleichzeitig an Anwendungen für Zement und Beton, Verbundwerkstoffe, Wasserstoffspeicher, Schutzbeschichtungen, Textilien und leitfähige Tinten. Nach Aussage des Unternehmens soll diese breite Aufstellung mehrere potenzielle Einnahmequellen schaffen und die Abhängigkeit von einzelnen Märkten reduzieren.
Besonders weit fortgeschritten ist nach Unternehmensangaben die Zusammenarbeit mit der Breedon Group (ISIN: GB0002869419). Gemeinsam werden graphenverstärkte Baustoffe entwickelt, die bereits bei Infrastrukturprojekten in Großbritannien eingesetzt wurden - unter anderem in Betonrohren, Dachziegeln und weiteren Fertigbauteilen.
Warum die nächste Herausforderung jetzt beginnt
Ob sich Graphen langfristig als Industriestandard etabliert, entscheidet sich aus Sicht von Bell nicht mehr allein im Forschungslabor.
Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, Anwendungen wirtschaftlich zu skalieren und gemeinsam mit Industriekunden in den Markt zu bringen. Genau darin sieht der CEO den entscheidenden Unterschied zur Anfangszeit der Branche.
Die Interviews vermitteln deshalb ein klares Bild: Weniger Aufmerksamkeit gilt heute spektakulären Materialeigenschaften oder theoretischen Einsatzmöglichkeiten. Stattdessen rücken Produktionskapazitäten, Kundenprojekte und industrielle Lieferfähigkeit zunehmend in den Mittelpunkt.
Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, könnte die Graphen-Branche tatsächlich in jene Marktphase eintreten, auf die viele Unternehmen seit Jahren hinarbeiten - nicht mehr geprägt von Forschung allein, sondern von konkreten industriellen Anwendungen.
Quellen:
https://firstgraphene.net/investors/executive-interviews/
https://www.azonano.com/article.aspx?ArticleID=7012
Interview mit Michael Bell, Dr. Reuter Investor Relations.
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ISIN: AU000000FGR3
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