
© Foto: dmkoch auf Pixabay.
Zwar verteuerte sich Siemens zuletzt auf ein neues Allzeithoch, doch Anschlusskäufe blieben aus. Das könnte aus technischer Perspektive zu einem Problem werden.
Siemens-Aktie mit starker Entwicklung - aber reicht das wirklich?
Ein rasant steigender Energiebedarf, hohe Infrastrukturinvestitionen, neues Zugmaterial und eine hohe Nachfrage nach Automatisierungslösungen - der Münchner Industriekonzern und DAX-Schwergewicht Siemens hat Anlegerinnen und Anleger derzeit Exposure gegenüber einer ganzen Reihe von wachstumsstarken Zukunftstrends zu bieten. Der Anstieg der Aktie von 11,3 Prozent gegenüber dem Jahreswechsel bestätigt die anhaltend gute Geschäftsentwicklung, auch wenn die Gewinne angesichts neuer Rekordnotierungen zeitweise noch deutlich höher ausgefallen waren.
Zuletzt sorgten der schwächelnde KI-Trade sowie der erneut ausgebrochene Iran-Krieg dank steigender Energiepreise für Verunsicherung. Von ihren Allzeithochs hat die Siemens-Aktie ein gutes Stück zurückgesetzt und damit auch die Rallye auf eine Anschluss- und Ausbruchsrallye verpasst. Genau diese Nachlässigkeit der Käuferinnen und Käufer könnte den Anteilen aus technischer Perspektive jetzt zum Verhängnis werden.

Trotz neuer Allzeithochs fehlt der Aktie jetzt der Punch
Langfristig befindet sich die Siemens-Aktie in einem Aufwärtstrend. Das reflektiert die stetig wachsenden Geschäfte sowie die große Zuverlässigkeit des Unternehmens, sich in einem ständig verändernden gesamtwirtschaftlichen Umfeld zu bestehen und gerade auch die gewachsenen Herausforderungen in Deutschland erfolgreich zu bewältigen. Zwar kam es in den vergangenen 2 Jahren mit dem Zoll-Crash sowie der Gesamtmarktkorrektur im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg in diesem Jahr zu zwei tiefen Einschnitten, doch die Qualität des Unternehmens ließ Investoren immer wieder zugreifen.
Mithilfe des letzten Erholungsimpulses gelangen den Käuferinnen und Käufer neue Rekordnotierungen. Vor allem die große Kurslücke Anfang April sorgte als sogenanntes Runway-Gap für eine starke Trendbeschleunigung. Die lässt sich am auf neue Hochs gekletterten Trendstärkeindikator MACD ablesen, welcher zumindest das Ende Mai bei 280 Euro erzielte Allzeithoch bestätigen konnte. Auch der Relative-Stärke-Index (RSI) verbesserte sich nach überverkauften Zuständen noch im März deutlich. Er befindet sich aber schon seit Mitte April in einem Abwärtstrend, obwohl die Aktie weiter gestiegen ist.
Bearishe Divergenzen könnten für eine Trendwende sorgen
Genau dieser Umstand könnte der Aktie jetzt zum Verhängnis werden. Zwar bedeuten neue Allzeithochs aus technischer Perspektive starke Kaufsignale. Da eine markante Anschlussrallye bei Siemens aber ausgeblieben ist, fehlt den Rekordnotierungen der Aktie die Bestätigung durch neue Hochs auch in den technischen Indikatoren. Dass diese aber trotz steigender Aktie gefallen sind, bedeutet nicht nur fehlende technische Unterstützung, sondern auch bearishe Divergenzen. Damit wird eine Trendwende der Aktie jetzt immer wahrscheinlicher.
Erste Verkaufssignale liegen bereits vor. In der vergangenen Woche ist das Papier unter die bei rund 270 Euro verlaufende 50-Tage-Linie gefallen. Außerdem hat die Aktie ihre im Mai noch hohe Trendstärke fast vollständig eingebüßt. Der MCAD dürfte in Kürze sein Vorzeichen wechseln und damit einen neuen (kurzfristigen) Abwärtstrend der Aktie anzeigen.
Test der 200-Tage-Linie zu erwarten? Möglich, aber nicht unumgänglich
Das Timing für einen solchen Vorzeichenwechsel im MACD ist denkbar schlecht, denn die Aktie hält sich gegenwärtig an der Unterkante des Aufwärtstrendkanals auf. Wird diese unterschritten, dürfte das den Abverkauf beschleunigen und die Aktie in Richtung 250 Euro fallen lassen. Wenig darunter wartet bereits die 200-Tage-Linie. Es droht also eine rasche Erosion eines auf den ersten Blick starken Chartbildes.
Dass die Aktie ihr kurzfristiges Abwärtspotenzial noch nicht ausgeschöpft hat, beweist der RSI. Er liegt im Schwächebereich, allerdings noch nicht unter 30 Punkten, was überverkaufte Zustände anzeigen würde. Damit sollten sich Anlegerinnen und Anleger auf weitere Abgaben gefasst machen - insbesondere, wenn sich zusätzlich zu den technischen Problemen der Aktie jetzt auch wie saisonal üblich das Umfeld für den Gesamtmarkt eintrübt. Chancenlos sind die Bullen jedoch nicht. Ein Anstieg zurück über die 50-Tage-Linie und ein Ausbruch auf neue Allzeithochs, die dann auch von den technischen Indikatoren bestätigt werden, könnte die gegenwärtig eher bearish einzuschätzende Ausgangslage der Aktie neutralisieren.
Fazit: Risiken bestehen, aber sie rechtfertigen nicht den Verkauf der Aktie
Mit Blick auf die Unternehmensbewertung steht für 2026 ein KGVe von 25,0 zu Buche, das liegt deutlich über dem 10-Jahres-Mittel von 17,6. Auch für 2027 ist Siemens bereits mit einem KGVe von knapp 22 bewertet. Das spricht jetzt für die Notwendigkeit einer Bewertungskorrektur beziehungsweise einer längeren Kurspause, um die Geschäftsentwicklung gegenüber der Aktienkursentwicklung aufholen zu lassen. Grundsätzlich sind höhere Bewertungsvielfache als noch in der Vergangenheit aber gerechtfertigt, weil der Bedarf nach den Produkten und Dienstleistungen von Siemens voraussichtlich dauerhaft gestiegen ist.
Für Anlegerinnen und Anleger ergibt sich daraus eine Situation, in der sie ihre Füße zunächst still halten sollten. Bei der Aktie zuzugreifen, ergibt gegenwärtig mit Blick auf die technisch fragile Situation sowie die etwas zu ambitionierten Unternehmensbewertung keinen Sinn. Kurzfristig besteht zwar Abwärtspotenzial, aber das ist mit rund 10 Prozent (sollte sich das Gesamtmarktumfeld nicht dramatisch verschlechtern), so überschaubar, dass sich auch ein Verkauf der Aktie oder Gewinnmitnahmen nicht wirklich aufdrängen. Das macht Siemens jetzt zu einer Position zum Halten.
Gastautor: Max Gross
Haftungsausschluss/Disclaimer
Die hier angebotenen Artikel dienen ausschließlich der Information und stellen keine Kauf- bzw. Verkaufsempfehlungen dar. Sie sind weder explizit noch implizit als Zusicherung einer bestimmten Kursentwicklung der genannten Finanzinstrumente oder als Handlungsaufforderung zu verstehen. Der Erwerb von Wertpapieren birgt Risiken, die zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals und - je nach Art des Investments - sogar zu darüber hinausgehenden Verpflichtungen, bspw. Nachschusspflichten, führen können. Die Informationen ersetzen keine auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtete fachkundige Anlageberatung. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit, Angemessenheit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen sowie für Vermögensschäden wird weder ausdrücklich noch stillschweigend übernommen.
Finanznachrichten.de hat auf die veröffentlichten Inhalte keinerlei Einfluss. Finanznachrichten.de hat bis zur Veröffentlichung der Artikel keine Kenntnis über Inhalt und Gegenstand der Artikel. Die Veröffentlichungen erfolgen durch externe Autoren bzw. Datenlieferanten. Infolgedessen können die Inhalte der Artikel auch nicht von Anlageinteressen von Finanznachrichten.de und/oder seinen Mitarbeitern oder Organen bestimmt sein.




